Sechs Tage lang zeigt die Graham-Company fünf Arbeiten der Tanzpionierin in Wien. Die "Presse" traf ihre künstlerische Nachlassverwalterin in New York. Martha Graham's Blick auf den Tanz galt als revolutionär.
Schon das Gehen will gelernt sein. Diese spezielle Art, den Fuß aufzusetzen, deutlich erdverbundener als die trippelnden Piqués der Ballerinen im klassischen Ballett, sind ein typisches Markenzeichen von Martha Graham, einer der prägendsten Choreografinnen des 20.Jahrhunderts. Sie sei, schrieb Graham in ihrer Autobiografie „Der Tanz – Mein Leben“ (Heyne, München 1992) als Mädchen meist barfuß gegangen. Auch als sie ihrer Mutter eröffnete, sie wolle Tänzerin werden, sei sie mit bloßen Zehen auf der Veranda gesessen: „Sie war sehr angetan von dem Gedanken und betrachtete mit Wohlwollen meine nackten Füße.“ Das selbstbewusste Schreiten, die oft fest aneinandergepressten, ausgestreckten Finger, die speziellen Stellungen von Kopf und Schultern werden in der Schule des in den 1950-er Jahren gegründeten Martha Graham Center of Contemporary Dance in New York bis ins kleinste Detail weitergegeben.
Auch Madonna war Graham-Schülerin
Nicht nur die Mitglieder der Martha Graham Dance Company trainieren hier im bescheidenen Ambiente eines Souterrains, sondern auch Schüler, die später andere Stile oder Kunstformen in Szene setzen werden. So war auch Pop-Ikone Madonna einst Graham-Schülerin. „Wenn ich mir ihre Musikvideos anschaue, erkenne ich ganz klar die Graham-Technik“, sagt Janet Eilber, künstlerische Leiterin des Zentrums. „Ihre Innovationskraft, ihre Kreativität war so groß, dass sie noch immer gültig ist.“ Was das Publikum Anfang des 20.Jahrhunderts schockierte, wurde zur radikalen, wesentlichen Innovation des Tanzes.
„Alle Bewegungen kommen aus dem Zentrum des Körpers. Er zieht sich zusammen, sammelt Energie, bis sie nach außen explodiert“, beschreibt Eilber im Gespräch mit der „Presse“ die Ausdrucksweise Grahams, über deren Erbe sie wacht – 2000 Filme und Videos, hunderte Bücher, auch Original-Kostüme, die die Tanz-Pionierin selbst entworfen hat, um die Aussagekraft einiger ihrer 181 Choreografien optisch zu unterstreichen. „Sie war keine Mitläuferin, wollte nie in einem Klub sein. Und sie war von ihren politischen Überzeugungen tief überzeugt.“ So sehr, dass ihr nicht einmal bewusst war, dass sie als Frauenrechtlerin galt.
Ihr Blick auf den Tanz galt als revolutionär. „Martha hat sich im Zoo die Tiere angeschaut, zum Beispiel wie der Löwe geht, sie hat Statuen studiert, wie hier Teile des Körpers dargestellt werden. Sie sagte: Ich bin eine Diebin, aber ich stehle nur von den Besten“, so Eilber, die 1972 selbst als Tänzerin zur Company kam. Von Rudolf Nurejew sei sie begeistert gewesen: „Nachher meinte sie: Die ganze Kompanie tanzt, aber alles, was man sieht, ist Nurejew, wie er seine Stiefel anzieht.“ Das sei die Art Präsenz, die Graham auch von sich und ihren Leuten erwartete: „Du brauchst das Können, dass du die Disziplin auf der Bühne vergessen und die Essenz herauskehren kannst.“
Graham habe Bewegungen weggelassen, die der Dekoration dienen. „Sie wollte nur die elementaren Dinge zeigen, die direkt ins Herz gehen. Ohne den Umweg über den Kopf“, sagt Eilber. Penibel halten sich die Trainingsleiter an die Vorgaben der 1991 verstorbenen Künstlerin. Auch die Performances der Company entsprechen dem jeweiligen Original. Für „Lamentation Variations“, das neben vier anderen Stücken in Wien zu sehen sein wird, rückte man 2007 von diesem Prinzip ab: Drei zeitgenössische Choreografen fügten einem Solo Grahams aus den frühen 30er-Jahren drei Sequenzen mit Gedanken zu den Terroranschlägen von 9/11 hinzu. Ein spannendes Experiment zum Thema Schmerz und Trauer.
12. bis 17.10., Museumsquartier, HalleE; www.allegria.at
Die Tänzerin und ihr Vorbild
Janet Eilber kam 1972 als Tänzerin zur Martha Graham Dance Company. 2005 wurde sie künstlerische Leiterin des Martha Graham Center of Contemporary Dance.
Martha Graham (geb. 1894 in Pennsylvania, gest. 1991 in New York) verstand sich immer als Tänzerin, schuf 181Choreografien und gilt als Pionierin des Modern Dance. [John Deane]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2010)