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Neue Literatur aus Österreich

Josef Winkler: Ich bei Tag und du bei Nacht

Ein Geschenk! Und keine einzige Kirsche war wurmstichig. Giovanna Garzoni: „Schale mit Kirschen und Nelken“, 1650.
Ein Geschenk! Und keine einzige Kirsche war wurmstichig. Giovanna Garzoni: „Schale mit Kirschen und Nelken“, 1650.Orsi Battaglini/akg-images /picturedesk
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Erinnere dich, wir spürten den Wind der ganz knapp über uns hinwegfliegenden Störche mit ihren langen, roten Beinen, als wir versteckt im Schilf hockten, einander unsere kindlichen Geschlechtsteile zeigten und in unsere Bauchnabel hineinspuckten! Eine Liebesgeschichte.

„In dem Raum stand ein Gasofen, dessen blaue Flamme im einfallenden Sonnenlicht kaum auszumachen war. Alles roch nach Desinfektionsmittel. Der zarte Geruch wie nach süßer gekochter Milch aber, der sonst bei ärztlichen Untersuchungen in der Luft schwebt, wenn nackte Jungenleiber sich aneinanderdrängen, fehlte. Fröstelnd und schweigend legten wir unsere Hemden ab.“ Yukio Mishima, Bekenntnisse

Beim langen Hinschauen gab ich der nach Mehlspeisen duftenden Konditorin von Chaim Soutine zu verstehen, dass meine siebente Herzkammer keine Süßigkeitenkantine für die Liebe ist, die Nacht mich immer erwartet und ich gerne ihr teigiger, nach Mehlstaub riechender Kirschgärtner geworden wäre, als sie aus einem Urnengrab einen Korb Kirschen herausgenommen und mir zum Namenstag geschenkt hatte. Keine einzige Kirsche war wurmstichig.

Lauter winzige Kupfersärge pendelten als Schmuck in den Zöpfen ihrer schwarzen Haare, als sie einmal mit ihrem Augenzwinkern, aber ohne Worte andeutete, dass sie den hauchdünnen Sichelmond nicht mehr erwarten und mit ihm als tödliche Gillette durch die Nacht gehen kann. Nach André Breton, dem berühmtesten Surrealisten, ist ihre gespaltene Zunge eine vom Bischof erdolchte blutleere Hostie und ihre schwungvollen Augenbrauen sind der Rand eines muffigen Mehlschwalbennestes, ihr verwundetes Geschlecht ein Mississippi-Goldgräberort und ein Schnabeltier, das aber dann und wann in seiner Trostlosigkeit auch nicht verhindern kann, dass unter den gläsernen Gräsern deiner Haut Skelette aus Elfenbein randalieren, sobald der Kleine Tod eintritt und sich die Zehen der Liebenden im Ausklang der Lust verkrampfen und blutig kratzen, gegenseitig.

Wenn sie vor dem Dorfkruzifix ihre verschwitzten, nach Roggenfeld riechenden, nackten Arme in die Höhe riss und spöttisch mit ihren schwulstigen Lippen Heiligensprüche malträtierte, öffneten sich mit einem Male im dichten, schwarzbehaarten Gebüsch ihrer Achseln die Mäuler der hungrigen Mehlschwalben, die sich am Plafond ihrer Konditorei eingenistet haben mit der Stimme des französischen Surrealisten Benjamin Péret: „Lasset uns kneten: / Krater unser / der du spießt den Pimmel / durchbohret werde dein Arsch / dein Ficksaft komme / jetzt und in Ewigkeit / auf dass deine Eier sich leeren / in die Münder wie auch woandershin / Unsern täglichen Stoß gib uns heute / betatsch uns die Hinterbacken / so wie auch wir auf die Backen der anderen klatschen / und erlöse uns nicht von dem Übel / Samen.“