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Corona

Wenn man der Nase nicht mehr trauen kann

Man kann den Geruchssinn trainieren.
Man kann den Geruchssinn trainieren.Milena Boniek/PhotoAlto/picturedesk
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Der Kaffee riecht verbrannt und nach Abwaschwasser, die frische Wäsche nach altem Muff. Über Geruchsphänomene nach einer Covid-19-Infektion.

Mitte Jänner bemerkte ich es zum ersten Mal. Ich kam abends nach Hause und stellte fest, dass es anders roch, außerdem schien etwas angebrannt zu sein. Der typische Geruch der Wohnung, eine Mischung aus schwachen Kochdünsten, die sich, vor allem im Winter, trotz Lüftens immer in den Räumen und in den Vorhängen verfangen, aus Putzmitteln, frischer Wäsche und den Ausdünstungen ihrer Bewohner, war weg. Jedes Zuhause hat seinen eigenen Geruch, der sich selten, nur bei gravierenden Ereignissen – etwa wenn ein Haustier einzieht oder ein neues Kochbuch ausprobiert wird – ändert. Diesmal roch es verbrannt und gleichzeitig verwest – hatte sich irgendwo eine Maus versteckt und war an einem zu heißen Kabel verendet? Ich prallte zurück und dachte: „Was ist denn hier passiert?“

Es war nichts vorgefallen, die Mini-Pizzas waren rechtzeitig aus dem Rohr herausgenommen worden, nichts Fremdartiges (Innereien womöglich!) war zubereitet worden. Ich öffnete die Fenster, der Gestank verdünnte sich, um sich später wieder zu konzentrieren.

Ich vergaß es schließlich, bis ich am nächsten Tag eine Ladung Wäsche aus der Maschine nahm und dachte: „Oje, das Waschmittel vergessen.“ Die Wäsche roch nach altem Muff und einer Substanz, die mir neu schien und die mir in den nächsten Tagen bei den verschiedensten Dingen wiederbegegnete: bei meiner Gesichtscreme, beim Geschirrspülmittel und bei Zitronen etwa. Und dann der Schock: Mein Parfum roch wirklich übel und erinnerte mich an das Spezialparfum, das ich als Kind meiner Mutter zum Muttertag geschenkt hatte: eine Mischung aus mehreren ihrer eigenen Parfums, die im Badezimmer standen, weil ich der Meinung war, damit ein Superparfüm geschaffen zu haben, das natürlich besser als jedes einzelne riechen musste. Leider war das nicht der Fall . . . Ein Proust'scher Prozess setzte ein, ich dachte an all die missglückten Muttertagsgeschenke, vom steinharten Erdbeerpudding bis zum in Brand gesetzten Öl in der Pfanne, weil ich meine Mutter mit gebackenem Karfiol überraschen wollte, einem ihrer Lieblingsessen, und das Chaos in der Küche, das ich Jahr für Jahr angerichtet hatte.