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Mein Dienstag

Das N-Wort

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Wurde scharf dafür kritisiert, das N-Wort ausgesprochen zu haben, und entschuldigte sich: Annalena Baerbock, Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl in Deutschland.APA/AFP/POOL/STEFANIE LOOS
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Sie meinen es nicht böse, sie wissen es nur nicht besser. Aber vielleicht kann man helfen.

Annalena Baerbock ist das perfekte Beispiel für dieses Phänomen. Die Spitzenkandidatin der Grünen in Deutschland setzt sich glaubwürdig für Minderheiten ein und ist unverdächtig, taktlos und diskriminierend zu sein. Dennoch ist es ihr passiert – sie hat das N-Wort ausgesprochen. Der Kontext spielt keine Rolle, was auch ihr bald klar wurde. „Das war falsch“, twitterte sie. Und erfuhr viel Zuspruch. Aber auch Ablehnung. Denn nicht alle sind der Meinung, dass dieses Wort unter keinen Umständen verwendet werden darf. Auf den Zusammenhang komme es an.

Eine Ansicht, die auch gebildete, reflektierte und feinfühlige Menschen vertreten, die sich beruflich wie privat gegen Rassismus starkmachen. Sie haben es verdient, einen Blickwinkel dargeboten zu bekommen, der ihnen – anders ist ihre Haltung nicht zu erklären – neu sein dürfte. Denn ganz offensichtlich fehlt es ihnen zwar nicht an Sensibilität, Intelligenz und Empathie, wohl aber an Fantasie. Der Perspektivenwechsel gelingt ihnen einfach nicht. Sie können sich nicht vorstellen, was das N-Wort bei schwarzen Personen auslöst. Oder das TSCH-Wort bei Menschen aus der Türkei und dem ehemaligen Jugoslawien. Oder das Z-Wort bei Sinti und Roma.

Sie ahnen nicht, wie es ist, wenn du eines dieser Wörter hörst und plötzlich einen Kloß im Hals hast. Wenn deine Stimme versagt, du verschwommen siehst und auf deinem Smartphone keine Nachricht mehr schreiben kannst, weil deine Finger zittern. Wenn dich ein stundenlang anhaltendes Gefühl der Abwertung, Bloßstellung und Wut überkommt. Denn für dich ist das nicht nur ein Wort, sondern eine Waffe, die schon seit frühester Kindheit gegen dich eingesetzt wird.

Alles nur, weil manche Menschen darauf pochen, jeden Begriff aussprechen zu dürfen, solange der Kontext ehrbar ist. Ja, man muss nicht in der Pfanne gelegen sein, um zu wissen, wie man ein Schnitzel brät. Die öffentliche Debatte über Mikroaggressionen und Alltagsrassismus sollte nicht Betroffenen vorbehalten sein. Aber ihnen etwas aufmerksamer zuzuhören kann sich lohnen, um nicht nur die Qualität der Debatte, sondern auch seinen Horizont zu erweitern. Vor allem dann, wenn die eigene Fantasie dafür nicht ausreicht.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com