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Eklat um Emir Kusturica: Moslem oder Serbe?

(c) EPA (CLAUDIO ONORATI)
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Vom Umgang mit Identität und Vergangenheit: Warum der serbische Regisseur Emir Kusturica vom Filmfestival in Antalya abgereist ist.

Das 47. Filmfestival von Antalya hat mit einem Eklat begonnen, dessen Ablauf sich verkürzt so zusammenfassen lässt: Der international anerkannte Filmemacher Emir Kusturica wird beschuldigt, nicht gegen den Völkermord an den muslimischen Bosniaken protestiert zu haben. Der türkische Minister für Kultur und Tourismus macht Druck auf die Veranstalter, Kusturica aus der Jury auszuladen. Dies geschieht auch. Kusturica reist schließlich mit der Begründung ab, dass er nach den Worten des Ministers nicht mehr auf der Straße sicher wäre und erklärt den Minister zu seinem „Feind“.

Der Bürgermeister von Antalya, Mustafa Akaydin, sagt, nicht Kusturica, sondern er sei das Ziel gewesen. Und schießt scharf zurück: „Wir waren der Hetze einiger kulturloser Leute und politischer Provokateure ausgesetzt.“

Eine Gruppe von Mitgliedern der Föderation der Kulturvereine von Bosnien-Herzegowina in der Türkei erscheint mit einem schwarzen Kranz vor dem Bürgermeisteramt von Antalya, der Vorsitzende der Föderation hält eine Rede, in der er Kusturica als „Vaterlandsverräter“ und Unterstützer von „Mördern und Vergewaltigern“ beschreibt.

Nebenher gibt es noch einen Streit unter Regisseuren. Der türkische Filmemacher Semih Kaplanoğlu, der mit seinem Film „Bal“ (Honig) den goldenen Bären auf der Berlinale gewonnen hat, zog seinen Film wegen der Anwesenheit Kusturicas in Antalya zurück, weil Kusturica nicht gegen den Völkermord an den muslimischen Bosniern protestiert habe. Bei seiner Abreise antwortete Kusturica Kaplanoğlu mit der Frage, warum er nicht vom Völkermord an den Armeniern im Ersten Weltkrieg spreche.

Nicht wenige bosnische Muslime leben, zum Teil seit Generationen, in der Türkei. Dass sie in der Frage der Massaker auf dem Balkan empfindlich sind, kann man ihnen nicht verdenken. Die Empfindlichkeit bezieht sich aber nicht allein auf den Mann mit französischem und serbischem Pass, dem vorgeworfen wird, den Völkermord an den Muslimen nicht zu verurteilen, sondern genauso auf den „Vaterlandsverräter“.

Emir Kusturica wurde als Sohn einer „muslimisch“ bosniakischen Familie in Sarajewo geboren. Vor fünf Jahren hat er sich als serbisch-orthodoxer Christ taufen lassen. Zuvor beschrieb er sein Verhältnis zu seiner muslimischen Herkunft wie folgt: „Mein Vater war ein Atheist und hat sich immer als ein Serbe beschrieben. Okay, es mag sein, dass wir 250Jahre lang Muslime waren, aber wir waren vorher orthodox und in der Tiefe waren wir immer Serben. Religion kann das nicht ändern. Wir wurden nur Muslime, um die Türken zu überleben.“


Es ist dieses Zitat, das die Runde macht, und es führt mitten in das Minenfeld der nationalen und religiösen Identitäten auf dem Balkan. Man kann durchaus der Meinung sein, dass Kusturica für den Mord an den Muslimen in Srebrenica deutlichere Worte hätte finden können. Ein blinder Nationalist ist er deswegen nicht. Seine Filme sind alles andere als rassistisch und oft kritisch gegenüber der eigenen Umgebung, ob im alten Jugoslawien oder heute. Durch Filme wie „Zeit der Zigeuner“ (1989) und „Schwarze Katze, weißer Kater“ wurde er weltweit berühmt. Kusturica bekam zweimal die Goldene Palme von Cannes. Der einzige Regisseur, dem das noch gelungen ist, war Francis Ford Coppola.

Kusturicas Filme schöpfen aus der kulturellen Vielfalt des alten Jugoslawien, dem er nachtrauert. Bei seinem Abschied aus Antalya sagte er: „Ich bin als Anti-Imperialist bekannt. Darauf habe ich mein Leben und meine Profession aufgebaut.“ Das ist die Sprache des alten Jugoslawien, das vorgab, ein anti-imperialistischer Staat zu sein. In dieser Einstellung steckt wohl ein Stück Familienerbe. Der Vater, der im Lande Titos Journalist war, mag mehr prägend gewesen sein, als eine halb abgelegte muslimische Tradition.

Zur Person

Emir Kusturica (geboren 1954 in Sarajewo) ist Filmregisseur aus Bosnien mit serbischer und französischer Staatsbürgerschaft. Er lebt in Belgrad, Paris und einem selbst errichteten serbischen „Küstendorf“. International bekannt wurde er durch Filme wie „Zeit der Zigeuner“ und „Schwarze Katze, weißer Kater“, die von Roma handeln. Zweimal gewann er die Goldene Palme von Cannes. Äußerungen zu seiner Identität und seine frühere Nähe zu Slobodan Milošević sorgten wiederholt für Kritik.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.10.2010)