Replik

Klima: Aufbruch statt Pessimismus

Hans-Werner Sinns alte These vom grünen Paradoxon bleibt graue Theorie, wenn man sich mit unserer Gegenwart beschäftigt.

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In einem Gastkommentar in der „Presse“ vom 28. Juli malt Hans-Werner Sinn wieder einmal schwarz. Die europäische Klimapolitik werde den „Lebensstandard der Europäer beeinträchtigen“ und die Industrie mit „zentralplanerischer Steuerung“ wettbewerbsunfähig machen. Abseits der gesetzten Reizwörter für staatsskeptische Fans, ist etwas dran an den Behauptungen?
Sinn bemüht eine alte These des grünen Paradoxons. Verbrenne ein klimafreundliches Europa weniger Öl und senke den Weltmarktpreis, täten es andere Länder umso mehr. Schlimmer noch, die Aussicht auf niedrigere Preise könne die ölproduzierenden Länder dazu verleiten, ihre Ressourcen schneller auszubeuten und den Klimawandel anzuheizen. Diese These ist auffallend pessimistisch: Sie stimmt nur, wenn sich China, Indien und die USA in den kommenden Jahrzehnten der Klimapolitik dauerhaft verweigern und alle Ölreserven aufbrauchen.

Zudem muss gelten, dass erneuerbare Energien nicht unbegrenzt verfügbar sind und nicht billiger als fossile Energieträger. Hier zeigt sich ein Mangel an empirischer Auseinandersetzung mit der Gegenwart: Was 2010 noch plausibel erschien, ist es heute nicht mehr. Technischer Fortschritt hat die Preise massiv gesenkt: Die Kosten für Fotovoltaik fielen um 90 Prozent, jene für Windturbinen halbierten sich, kein Ende in Sicht. Wettbewerbsfähig ist das schon jetzt: Neue Wind- und Solaranlagen produzierten 2019 meist billiger als die günstigsten Kohlekraftwerke. China und die USA machen beim Ausbau fleißig mit. Wird erneuerbare Energie günstiger, verdrängt sie auf absehbare Zeit fossile Energie - hoffentlich vollständig. Ein Teil des Öls kann so in der Erde bleiben, der Klimawandel wird aufgehalten. Sinns grünes Paradoxon bleibt graue Theorie.


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