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Kino

Endlich ein Anti-Anti-Aging-Film!

"Old" von M. Night Shyamalan.
"Old" von M. Night Shyamalan.(c) Universal
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In „Old“ verhaken sich arglose Urlauber in einer Bucht, die sie rapide altern lässt. Eine Mystery-Versuchsanordnung von M. Night Shyamalan, spannend und schrullig wie gewohnt.

Was ist das größte Schreckgespenst einer Gesellschaft, die Leistung, Jugend, Schönheit, Gesundheit und das persönliche Image zu seinen höchsten Idealen erklärt hat? Ganz klar: das Alter! Kündet es doch vom Tod, dieser letzten Zumutung, der mit keiner Lifestyle-Entscheidung – und bislang auch mit keiner transhumanistischen Zaubertechnologie – beizukommen ist. Gnadenlos bringt es unsere sorgsam kultivierten Daseinsfassaden zum Bröckeln, zwingt uns mit geistigem und körperlichem Verfall in die (Jahr für Jahr schwächer werdenden) Knie.

Solche oder ähnliche Gedanken müssen M. Night Shyamalan („The Sixth Sense“) durch den Kopf geflattert sein, als er beschloss, den schweizerischen Comic-Roman „Sandburg“ von Pierre Oscar Lévy und Frederik Peeters zu verfilmen. Der Titel der Vorlage war ihm (oder seinen Produzenten) jedoch zu kryptisch: Die Leinwand-Adaption heißt, schlicht und mäßig ergreifend, „Old“. Subtilität war nie Shyamalans Stärke.

Ebenso bescheuert wie berührend

Halb so wild: Der 50-jährige Regisseur, dessen Ruf als Mysterymeister sich seit seiner Blütezeit in den 2000er-Jahren beständig gehalten hat – allen Flops und Rückschlägen zum Trotz –, kann dafür mit anderen Vorzügen aufwarten. Etwa mit der Freiheit, seine hartnäckig erfolgreichen Projekte nach eigenem stilistischen Gutdünken umzusetzen. Was im Zeitalter der Konzern-Ästhetik nur wenige kommerzielle Filmemacher von sich behaupten können. Bei Shyamalan führt das ein ums andere Mal zu exzentrischen Genrekino-Preziosen, die oft ebenso bescheuert wie berührend sind, die zu gleichen Teilen mit abstrusen Einfällen befremden – und mit ihrer eigentümlichen, stets ironiefreien Perspektive für sich einnehmen.

So auch bei „Old“, dessen griffiges Konzept perfekt zur Marke Shyamalan passt: Ein bunter Haufen Menschen aller Altersgruppen, Herkünfte und Hintergründe findet sich in einem Urlaubsparadies ein, dem man bereits an der Cocktailschirmspitze anmerkt, dass daran etwas nicht stimmt.

Am Strand kommen d'Leut zam – und müssen bald feststellen, dass sich ihr Alterungsprozess aus unerfindlichen Gründen rapide beschleunigt hat. Wer versucht, die sonnige Bucht zu verlassen, fällt unvermittelt in Ohnmacht.

Oida? Möchte man da ausrufen. Nicht nötig: Geht man zu sehr ins Detail, zerbröselt die Handlung von „Old“ wie ein Bund morscher Knochen. Auch handwerklich wirkt hier nicht immer alles stimmig. Weniger wegen technischer Inkompetenz, sondern weil manch ein Kamerawinkel allzu willkürlich anmutet, weil jeder zweite Darstellerakzent (die Hauptrollen bestreiten Vicky Krieps und Gael García Bernal) sich mit den anderen schneidet.

Genau diese „Unreinheiten“ machen jedoch Shyamalans Charme aus. Andere folgen dem gängigen Hollywood–Regelwerk, das jede Poesie der Bildsprache im Keim erstickt. Er schneidet von einem Klippensturz auf eine berstende Meereswelle. Andere schicken Pappkameraden in den Kampf gegen gesichtslose Aliens. Er lässt fehlbare Individuen mit existenziellen Fragen ringen. Was kümmert da, dass „Old“ als Parabel über die Conditio humana etwas schematisch wirkt? Was stören einen die hölzernen Dialoge? Sogar beim Plot-Twist, der leider kommen muss (und diesmal wirklich blöd geraten ist), kann man gnädig ein Auge zudrücken: Ärger macht uns am Ende nur älter.

[ROOUV]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.08.2021)