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Netflix-Serie

Queer für Anfänger oder: Die Liebe der US-Unterhaltungsindustrie zur Schönfärberei

TALES OF THE CITY, (aka ARMISTEAD MAUPIN S TALES OF THE CITY), from left: Murrary Bartlett, Laura Linney, (Season 1, ep.
Murrary Bartlett und Laura Linney in „Stadtgeschichten“ auf Netflix(c) imago images/Everett Collection (Alison Cohn Rosa/Netflix via www)
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Die Miniserie „Stadtgeschichten“ auf Netflix gibt Einblick in das Leben der LGBTQ-Community in San Francisco: Teils heiter, teils melancholisch.

Anna Madrigal feiert ihren Neunziger in ihrem schönen, alten Haus in San Francisco inmitten einer bunten Queer-Community: Da ist der Fünfziger Michael, der gerade dabei ist, mit Medikamenten seine HIV-Erkrankung unter Kontrolle zu bekommen, und sein schöner, junger Lover Ben, sowie Shawna, die sich in die unstete Filmerin Claire verliebt, Margot, die Jake liebt, dieser aber hat gerade eine Phase, in der er Männer bevorzugt ...  So ganz generell scheinen gleichgeschlechtliche Liebschaften in ihrer Gefühlslage jenen von Heteros sehr ähnlich zu sein: Mancher weiß nicht, wo er hinsoll, hat er oder sie wen gefunden, will er oder sie bald wieder weg oder wird verlassen.

Laura Linney bezaubert

Schon Freud wusste, dass prinzipiell jeder Mensch bisexuell ist, er wird gern zitiert, wenn es um LGBTQ geht, was eben nicht so neu ist wie man erwarten könnte. Der Autor der „Stadtgeschichten“ (Tales of the City), Armistad Maupin, ist 77 Jahre alt, die Mini-Serie stammt von 2019 und wird nun auf Netflix gezeigt, als quasi leichter, bittersüßer Stoff für die Sommerzeit. Was die Serie besonders macht, ist die feine Besetzung: Neben Olympia Dukakis als Hausbesitzerin spielt eine weitere Hauptrolle Laura Linney, die gern für biedere Frauen gewählt wird, die sich mehr oder minder verzweifelt für die Verbesserung der Welt einsetzen. Hier spielt Linney Mary Ann (was klanglich vielleicht nicht zufällig an „Marianne“ von Leonard Cohen erinnert), die vor Jahren aus dem sonnig-freisinnigen Kalifornien nach Connecticut gezogen ist, um beim Fernsehen Karriere zu machen. Jetzt kehrt sie heim zu ihren Wurzeln in San Francisco und wird von ihrer Sixties-Vergangenheit eingeholt. Nachdem die brave Ehefrau die Rückreise mit ihrem missmutigen Gatten an die Ostküste verweigert hat, schickt dieser die Scheidungspapiere, ein Glück: Mary Anns Exmann Brian steht schon bereit.

Authentische Typen und Dialoge

Genau das ist jetzt das Irritierende an „Stadtgeschichten“, wie auch in vielen Hetero-Serien geht alles immer etwas schnell gut aus, was ja in der Realität nicht immer der Fall ist. Zu kritisieren ist das insofern, als manche Serien dem Zuschauer ein glückliches Leben vorgaukeln – und vor allem Liebe, Beziehungen, wo letztlich alle Konflikte lösbar sind und Mühsal niemals dauerhaft. (Bekanntlich ist des Öfteren das Gegenteil wahr).

Trotzdem ist „Stadtgeschichten“ interessant, amüsant und erhellend. Die Typen, die Dialoge, das Ambiente wirken wesentlich authentischer als bei „Grace and Frankie“ (mit Jane Fonda und Lily Tomlin) über zwei Ehefrauen, die im Alter erfahren, dass ihre Männer (Martin Sheen und Sam Waterstone) homosexuell sind und einander endlich heiraten wollen.

Allein die Brüche zwischen der älteren und der jungen Generation in „Stadtgeschichten“ sind wahrheitsgetreuer und einleuchtender dargestellt. Etwa wenn eine Gruppe von Senioren auf Michaels jungen Freund Ben trifft, der beim Abendessen einen Vortrag hält, warum das Wort „Transe“ diskriminierend sei. Einer der Gäste reagiert daraufhin aggressiv und wirft Ben vor, dass dieser keine Ahnung von den schrecklichen Erfahrungen der Homosexuellen mit Aids habe, zornig besteht der Gast darauf, dass er reden werde wie es ihm passe.

Wenn sich die Queer-Welle in Film und Fernsehen fortsetzt, so werden manche Serien wie „Stadtgeschichten“ solchen wie „Grace und Frankie“, die deutlich auf ein konservativeres Publikum zugeschnitten sind, vermutlich vorziehen. Was beide Geschichten verbindet: Die Zeit vorm Fernseher vergeht wie im Flug. Als eine spannende Lektüre zum Thema wie es wirklich war und ist eignet sich „Die Optimisten“, ein Roman von Rebecca Makkai, der hervorragend recherchiert und mit Gespür die Entwicklung der Homosexuellen-Community seit den Achtzigern in Chicago nachzeichnet.