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Grätzeltour

Brigittenau: Großstadt für die Kleinen

Christine Hohenbüchler am Platz der Kinderrechte
Christine Hohenbüchler am Platz der Kinderrechte(c) Jana Madzigon
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Unterwegs mit Künstlerin Christine Hohenbüchler, die Europas einzigen Platz, der den Kinderrechten gewidmet ist, neu gestaltet hat - im 20. Bezirk.

Es regnet in Strömen, als sich Christine Hohenbüchler in der Dresdnerstraße Ecke Winarskystraße einfindet, um mit uns das Grätzel zu erkunden. Startpunkt ist der Platz der Kinderrechte, den sie mit ihrer Schwester Irene anlässlich 30 Jahre UN-Kinderrechtskonvention neu gestaltete. Eingezwängt zwischen dem Verkehrslärm der Dresdnerstraße und der Einfahrt zur einer Parkgarage, überdacht von Büros, hat der Platz gleich zweifach Symbolwirkung: für die Ambition, Kindern ihren Raum, ihre Rechte, ihren Platz zu geben ebenso wie dafür, wie ein solcher Platz in der Großstadt oft aussieht.
„Uns war klar, dass wir mit viel Farbe arbeiten müssen, um einen Kontrast zu schaffen“, erzählt Hohenbüchler. Intensiv blau bettet sich nun ein ovaler See in den Asphalt ein, eine weiße Figur nimmt darin nicht nur ein Bad, sondern auch die Formen der Skulptur auf, die zuvor den Platz kennzeichnete und nun ein wenig abseits steht. Die weiche Oberfläche wölbt sich auf einer Seite zu einer kleinen Welle, auf der anderen wird der See von einem gelben Geländer begrenzt, das eine Barriere zur Garageneinfahrt schafft.


Grüne Innenhof-Oasen


Während Hohenbüchler erzählt, nähert sich ein älterer Mann. Was der Platz zu bedeuten habe fragt er, und ob es nicht schlauer gewesen wäre, mit dem Steuergeld einen Spielplatz zu bauen. Es ist eine Diskussion, die die Künstlerin kennt: „Kunst mit Steuergeld zu finanzieren ist Steuergeldverschwendung, das hört man immer wieder.“ Dass hier nicht gespielt würde, stimme nicht: „Ich habe mich hier mit einer Redakteurin getroffen – ihr kleiner Sohn war mit und hat sofort begonnen, auf dem Geländer herumzuklettern.“
Wo er als Kind gespielt habe, fragt sie den Passanten, der erzählt, er wohne schon sein ganzes Leben hier. Auf der Donauinsel sei er gerne gewesen, generell hätte es viel mehr Freiflächen gegeben. Auf die Frage, wo man Parks und Spielplätze finden könne, deutet er die Winarskygasse hinunter.

"Kinder werden behütet und überwacht. Doch sie haben auch das Recht auf Geheimnisse. Man kann nicht verlangen, dass Kinder immer alles erzählen.“

Christine Hohenbüchler


Sie selbst wohnt in Eichgraben/NÖ, ein Freund mit Kindern lebe aber hier. „Er liebt die Brigittenau“ Dennoch: Zu wenig Radwege und Fußgängerübergänge, kurz: zu wenige Möglichkeiten für Kinder, sich sicher zu bewegen, stelle dieser immer wieder fest. „Man wird ja als Kind überwacht, nie lässt dich jemand alleine.“ Das sei es auch gewesen, was sie bei der Gestaltung des Platzes am meisten fasziniert habe: Das Recht der Kinder auf Geheimnisse. „Daran denkt man als Erwachsener oft nicht. Man kann nicht verlangen, dass Kinder immer alles erzählen.“

Lokalaugenschein auf einem Spielplatz.
Lokalaugenschein auf einem Spielplatz.(c) Jana Madzigon



Ein paar Meter weiter hört man die Dresdnerstraße kaum noch. Es sind die vielen Innenhöfe, die es ruhig machen, etwa im 1939 erbauten Winarskyhof. „Meist sind die Innenhöfe aber so hallig, dass Kinder nicht ausgelassen spielen können.“ In den Höfen und Gassen kommt man an überraschend vielen Spielgelegenheiten und -plätzen vorbei. „Check bitte: ist die Sandkiste abgedeckt?“ steht da etwa, ein paar Gassen weiter hängt „Rodeln verboten.“ Rodeln? „Ach so, wegen des Hügels“, meint Hohenbüchler und deutet auf einen Erdhaufen. Dahinter rattert die Schnellbahn vorbei. Die Auflagen für Spielplätze seien unglaublich hoch, Spielgeräte müssen vom TÜV genehmigt und kontrolliert werden. „Wie schwierig es war, dass der See ebenerdig sein durfte. Davor sollte es eine Barriere geben, damit Menschen mit Sehbehinderung ihn mit dem Stock ertasten können.“
Als wir in den Allerheiligenplatz einbiegen, bewundert die Künstlerin die Kastanien: „Wahnsinnig schöne alte Bäume“. Angetan mit Regenmänteln und Gummistiefelchen tauchen zwei kleine Mädchen auf und springen platschend durch die Pfützen, je mehr es spritzt, desto lauter das fröhliche Gequietsche.

Zum Ort, zur Person

Die Brigittenau entstand aus dem gleichnamigen Ort sowie Zwischenbrücken, beide Gemeinden wurden schon 1850 nach Wien eingemeindet. Gebrauchte Mietwohnungen kosten im 20. Bezirk rund 2538,14 Euro/m2. Der Platz der Kinderrechte wurde 2008 nach der Kinderrechtskonvention der UNO benannt.

Christine Hohenbüchler leitet das Institut für Kunst und Gestaltung der TU Wien, Irene Hohenbüchler ist Professorin an der Kunstakademie Münster.

Tipp: Derzeit ist eine Ausstellung der beiden im Oberen Belvedere in Wien zu sehen.

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