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Glaubensfrage

Sinn-volle Sommerlektüre für Suchende

Von Benedikt XVI. /Joseph Ratzinger bis Herbert Kohlmaier: Die Spannweite ist größer als die jedes vorstellbaren Sonnenschirms.

Verborgen vor der Welt zu leben: Das war die Ankündigung, das war das Versprechen Benedikts in jenen historischen Momenten im Februar 2013. Der Papst ging. Sein Wort hat er nicht restlos gehalten. Nicht restlos halten können? Dann und wann hat er sich zu Wort gemeldet. Meist wurde dies als Kritik am Kurs seines Nachfolgers gedeutet. Auch diesmal wieder hat der Ex-Papst zugeschlagen.

In der jüngsten Ausgabe der renommierten „Herder Korrespondenz“ (Heft 8/2021) äußert er sich. Diesmal gibt es vor allem für seine deutschen Mitbrüder im Bischofsamt Tadel, ganz und gar nicht verborgen vor der Welt. Als kurze, erkenntnisreiche Lektüre im Sommer für Benedikt-Versteher oder Blutdruckheber für dessen Kritiker geeignet.

Wenn wir schon bei der Lektüre sind, für die im Sommer mehr Zeit bleibt: Am ganz anderen Ende des sehr, sehr weiten katholischen Spektrums steht ein anderer Mann, ein Laie, ein früherer ÖVP-Politiker, der vehement Kirchenreformen fordert. Herbert Kohlmaier schreibt sich da „Die neue Kirche“ (Plattform Johannes Martinek Verlag) herbei. Fast so apodiktisch wie Benedikt glaubt er, das wahre Christentum zu kennen, freilich ohne die „Bürde des Klerikalismus“, wie er es nennt.

Wer es politischer, vielleicht auch ein wenig theologischer mag, den bedienen die Religionspädagogin Daniela Feichtinger und der Direktor der Katholischen Sozialakademie, Markus Schlagnitweit, gut. „Was würde Jesus tun“ (Styria Verlag) – diese spanende und immer wieder gestellte Frage ist Titel ihrer Neuerscheinung. „War Jesus Marxist?“, ist ein Kapitel überschrieben – nichts für Schreckhafte. Ist es zu viel zu verraten, dass die Antwort nicht bejaht wird? Die im Untertitel angekündigten „Anregungen für politisches Handeln heute“ könnten auch für sich als christlich-sozial definierende Politiker von Interesse sein. Vielleicht nicht so sehr als Gebrauchsanleitung zu verwenden; aber als Möglichkeit zu verstehen, wie die katholische Sozial- und Wirtschaftsethik – gerade auch unter Franziskus – tickt. Und wie man sich daran orientieren könnte.

„Orientierung finden“ (Tyrolia Verlag), sehr allgemein verstanden, um ein sinnerfülltes Leben zu führen: Diese Hilfe, als Vermächtnis zum 95. Geburtstag beworben, bietet der einschlägige Bestsellerautor David Steindl-Rast an. Dass der in den USA lebende Benediktinermönch über Grenzen hinausgeht, die die kanonisierten Religionsgemeinschaften ziehen, überrascht wenig. Er sieht Religiosität allen Menschen angeboren und diese untereinander verbindend, während Religionen oft trennend wirken würden. Ein Leben in Dankbarkeit könnte die Menschheit vor der Selbstzerstörung retten. Nur Autorität, die sich aus Weisheit speist, solle Macht verleihen. Wann, wenn nicht im Sommer, im Urlaub, ist Zeit für Träume?

dietmar.neuwirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.08.2021)