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Pädagogin: "Geschlechtsneutrale Erziehung wäre schrecklich"

Paedagogin Nehmen Maedchen Buben
(c) BilderBox.com - Erwin Wodicka (Wodicka-BilderBox.com)
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Mädchen und Buben müssen sich ihre Geschlechterrollen erarbeiten, sagt Pädagogin Cornelia Wustmann im DiePresse.com-Interview. Durch soziale Erwartungen nehmen wir ihnen aber einen Teil der Welt.

DiePresse.com: Wann weiß ein Kind: Ich bin ein Mädchen, ich bin ein Bub?
Cornelia Wustmann: Kinder sind nie geschlechtsneutral. Gegen Ende des ersten Lebensjahres haben sie eine erste Vorstellung. Sie wissen früh, dass es Männer und Frauen gibt. Wenn sie mit zweieinhalb, drei Jahren in den Kindergarten kommen, ist das Ordnungssystem Mädchen -Buben klar. Worüber sie sich in dem Alter noch nicht im Klaren sind, ist, dass sie das Geschlecht nicht wechseln können. Das erkennen sie erst mit fünf, sechs Jahren. Da ist dann für sie deutlich: Ich bin ein Bub, ich bin ein Mädchen.

Wie spielen Natur und Umwelt da zusammen?
Das ist eine Frage, die PädagogInnen und PsychologInnen schon seit Ewigkeiten umtreibt. Grundsätzlich gilt, die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind geringer als die zwischen den Geschlechtern. Man muss aber zwischen Geschlecht und Gender unterscheiden: Ersteres ist etwas natürliches, das müssen sich Mädchen und Buben erarbeiten. Zweiteres meint eher die sozialen Erwartungen, die an Mädchen und Buben gestellt werden.

Ab wann zeigen sich die?
Dazu gibt es sehr interessante Studien, zum Beispiel die Baby X-Studie: Nacheinander wurden verschiedene Erwachsene mit einem Baby konfrontiert, das, obwohl es sich um das gleiche Kind handelt, entweder als Junge oder als Mädchen vorgestellt wird. Sie sollten ihm Spielzeug zuweisen: Wurde das Kind als Mädchen ausgewiesen, bekam es deutlich häufiger Puppen, Jungen dagegen Werkzeuge und Bälle.

Natürlich ist das aber nicht.
Nein. Es sind soziale Zuschreibungen, die wir zum Teil brauchen, um die Welt verstehen zu können. Sie sind aber nicht immer günstig. Wir nehmen aber Mädchen und Buben dadurch einen Teil der Welt. Denn sie können das jeweils andere nicht tun. Dabei haben Untersuchungen über Resilienz (psychische Widerstandsfähigkeit, Anm.) gezeigt, dass Androgynität ein schützender Faktor ist. Also, dass wir typische, zugeschriebene Geschlechterrollen überschreiten und Verhaltensweisen, die von uns erwartet werden, nicht erbringen. Resiliente Kinder gingen demnach Interessen und Aktivitäten nach, die nicht durch Geschlechtstypisierung eingeschränkt sind.

Wie kann man das als Eltern und im Kindergarten fördern?
Indem zum Beispiel Funktionsräume die oftmals noch zu sehende Einteilung der Räume in Puppenecken, Bauecken oder ähnlichem ablösen und so Mädchen und Buben die Chance erhalten, sich allen Bereichen zu widmen. Darüber hinaus ist auch immer die pädagogische Reflektion hinsichtlich des Gender notwendig, also die Frage, welches Bild und welche Erwartungen habe ich an Mädchen und Buben, an Frauen und Männer.

Warum funktioniert geschlechtsneutrale Pädagogik nicht?
Das wäre ganz schrecklich. Wir brauchen das Bewusstsein, dass wir Geschlechtswesen sind und dass wir sexuelle Wesen sind. Kinder müssen sich die Geschlechterrollen erarbeiten: Eine Vorstellung davon bekommen, was es für sie heißt, ein Mädchen oder Bub zu sein und wie sie mal sein wollen als Frau oder als Mann.

Geschlechtersensible Pädagogik ist ja von Mädchenförderung ausgegangen. Werden wir in den Kindergärten auch den Buben gerecht?
Weder das eine, noch das andere funktioniert. Wir müssen wirklich schauen, dass wir zu geschlechterdifferenzierenden Perspektiven kommen und diese dann auch umsetzen. Das heißt wirklich, auf die Bedürfnisse eines jeden Mädchens und eines jeden Buben einzugehen. Die sind so individuell, wie die Kinder individuell sind.

In Österreichs Kindergärten gibt es nur zwei Prozent Männer. Ein Problem?  
Uns fehlen in dem Feld junge Männer, die sich einbringen. Aber nicht nur als Mann, sondern die auch vorleben, dass Männer auch die ganze Bandbreite der Gefühle haben, dass Männer genauso in die Pflege- und Sorgetätigkeit eingebunden werden, wie Frauen.

Wann fehlen die Männer besonders?
Eine Kindergartenleiterin hat mir kürzlich erzählt, sie suche händeringend einen jungen Mann. Denn sie braucht für die Reflexion dessen, was die Kinder tun, den Blick von Männern. Buben agieren im Spiel oft anders als Mädchen. Die Grenze zur Aggression, körperlich und verbal, wird deutlich häufiger erreicht. Für die Kindergartenpädagoginnen, die ja als Mädchen sozialisiert worden sind, ist es unglaublich schwer, zu wissen: Ist das jetzt noch im Bereich dessen, was die Jungen brauchen oder ist es ein Konflikt, in den wir einschreiten müssen?

Wie bringt man mehr Männer in die Krippen und Kindergärten?
Ich denke, indem eine deutliche Aufwertung des Berufsbildes der ElementarädagogInnen erfolgen muss. Viel zu lange schon geistert das Bild einer professionellen Mütterlichkeit in den Köpfen vieler, ohne anzuerkennen, dass die PädagogInnen in diesem Feld Großartiges leisten und mit ihrer Professionalität einen wichtigen Grundstock für ein lebenslanges Lernen und damit für eine erfolgreiche Gestaltung der Biographien legen. Das muss anerkannt und honoriert werden.

Zur Person

Die gebürtige Deutsche Cornelia Wustmann ist Österreichs erste Professorin für Frühkindpädagogik. An der Uni Graz möchte Wustmann unter anderem in Zusammenarbeit mit einem Kindergarten das neue Bildungsverständnis erforschen und eine Plattform zur Professionalisierung der PädagogInnen aufbauen.