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Netflix

"Beckett": Der Tourist, der zu viel wusste

John David Washington in "Beckett"
John David Washington in "Beckett"(c) Yannis Drakoulidis / NETFLIX
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In Ferdinando Cito Filomarinos Thriller „Beckett“ stolpert ein US-Biedermann (John David Washington) unversehens ins Polit-Getümmel Griechenlands. Ab heute auf Netflix.

Ein Herzerl, mit Filzstift aufs Handerl gemalt: Nicht mehr und nicht weniger bekommt Bürohengst Beckett (John David Washington) von seiner Freundin April (Alicia Vikander) als Memento ihrer Liebe. Ein dürftiger Talisman angesichts dessen, was folgt. Doch er muss reichen.

Die beiden Turteltauben urlauben in Griechenland, stecken noch im Schmusestadium ihrer Beziehung. Sie neckt und fordert ihn vorsichtig, er zeigt sich lernbereit. Es geht voran! Bis das Zweigespann plötzlich aus der Bahn fliegt. Ein achtloser Moment, ein Unfall, und der Boden birst unter den Füßen. Schlagartig verliert Beckett alles, was ihn ihm Innersten zusammenhält: Schutz, Orientierung, Sicherheit. Ohne ersichtlichen Grund werden Helfer zu Häschern. Schüsse fallen. Bald strauchelt der Touri durch moosiges Dickicht, stürzt panisch über Schotterpisten. „Holt mich hier raus!“, japst er ins Handy. Keine Chance. Als „stranger in a strange land“ ist er auf sich allein gestellt, ein Flüchtling ohne Lire und Papiere, ein Homo sacer, reduziert aufs nackte (Über-)Leben.

Das klingt eher nach Kafka als nach Samuel Beckett. Warum die Hauptfigur des jüngsten Netflix-Thrillers den Namen des berühmten Absurdisten trägt, steht zur Debatte. Die Wurzeln des Films, der heuer das Filmfest von Locarno eröffnete, liegen anderswo. Vor allem im Hause Hitchcock, an dessen Werkkorpus – vom „Mann, der zu viel wusste“ bis zu „Vertigo“ – man hier oft denken muss. Aber auch an Polit- und Paranoiathriller der 1960er und 1970er, ob aus Europa (etwa „Z“ von Constantin Costa-Gavras) oder aus den USA („Die drei Tage des Condor“).

„Beckett“ verquickt diese Vorbilder, verlegt ihre Verschwörungsszenarien in die Gegenwart – und pendelt dabei zwischen Abstraktion und konkreter Anklage. Wider Willen macht Beckett einen Crashkurs in griechischer Politik. Hier ringen rechtsextreme Gruppen im Geiste der Goldenen Morgenröte am Syntagma-Platz mit linken Aktivisten (repräsentiert von Vicky Krieps) um die Seele der austeritätsgebeutelten Nation. Das wurde wohl vor Jahren konzipiert, wirkt aber angesichts jüngerer Ausschreitungen in Athen wieder erstaunlich aktuell.

Ein Hascherl im Suspense–Stresstest

Und hinter den Kulissen? Um das zu erkennen, muss sich Beckett erst seinen Ängsten stellen. Diese spiegeln sich in der herbstlichen Landschaft. Steile Klippen und tiefe Schluchten sorgen für Schwindel und Ohrensausen. Zumal unser Protagonist kein Actionheld ist, sondern ein unbelecktes Hascherl, das zu Panikattacken neigt. Einmal versucht er, ein Moped zu kapern – und scheitert kläglich an der wehrhaften Fahrerin. Da hilft nur Solidarisierung: mit ehrlichen Bauersleuten, mit der Protestbewegung. So stolpert der unsichere US-Biedermann dank Suspense-Stresstest und kalter Realitätsdusche aus seiner bürgerlichen Blase ins politische (Selbst-)Bewusstsein hinein. „Beckett“-Regisseur Ferdinando Cito Filomarino ist ein Zögling Luca Guadagninos („Call Me by Your Name“), der hier mitproduziert. Und wohl auch die internationalen Kunstfilm-Kapazunder hinter der Kamera aufgestellt hat: Ryūichi Sakamoto steuert Streicher des Schreckens zum Soundtrack bei, der thailändische Lichtmaler Sayombhu Mukdeeprom sorgt für die naturalistische Bildgestaltung auf 35-mm-Filmmaterial; beide waren bereits für Guadagnino tätig.

Filomarinos Inszenierung bleibt aber genrekonform und erfreulich unverkrampft. Vielleicht zu sehr: Die Handlung kratzt einige Kurven zu knapp, die Spannung verpufft oft abrupt, das Unvermögen der bösen Verfolger verblüfft. Dafür entschädigt ein nervenfräsendes Finale. Und Guadagninos Projekt, Filmgeschichte „upzudaten“, indem er Klassiker als Remake in zeitgenössische (Polit-)Diskurse einbettet (siehe „Suspiria“, „A Bigger Splash“), gelingt seinem Adlatus fast noch besser als ihm selbst.


[RPHTT]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.08.2021)