Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Netflix-Serie

„My Unorthodox Life“: Eine schräge Mixtur aus Religion und Glamour

„My Unorthodox Life“ Reality-Show mit realen Darstellern auf Netflix: Der 14jährige Aron versucht gelassen zu bleiben angesichts der penetranten Einmischungen seiner Mutter Julia Haart in sein Leben.(c) Netflix
  • Drucken

Die Serie „My Unorthodox Life“ erzählt die Geschichte einer Frau, die ihrer jüdisch-orthodoxen Community entfloh und sich als erfolgreiche Geschäftsfrau im New Yorker Mode- und Model-Business etablierte. Von fernher erinnert die Serie an die Kardashian-Saga, sie ist aber ernster zu nehmen.

„Mutter! Hör endlich auf, dich in das Leben deiner Kinder derart einzumischen!“, so möchte man Julia Haart in der Serie „My Unorthodox Life“ des Öfteren zurufen. Vier Kinder hat Haart geboren, bevor sie feststellte, dass die Enge in der New Yorker Jüdisch-Orthodoxen-Enklave Monsey unerträglich sei. Haart wurde eine erfolgreiche Geschäftsfrau und gründete die Model-Agentur „Elite World Group“. Nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, einem Religionsgelehrten, heiratete sie den Unternehmer Silvio Scaglia Haart, tätig in der Telekommunikationsbranche und Inhaber der Wäschemarke La Perla. Männer haben allerdings in dieser Serie nichts zu reden, sie fügen sich weitgehend widerspruchslos in ihre Rolle als Schweiger, Stichwortgeber, sehr selten protestieren sie, wenn, dann zart. Überhaupt ist der Ton zwischen den Beteiligten dieser Reality-Soap oder präziser gesagt Scripted-Reality-Show selbst dann noch (pseudo-)sachlich, wenn es um emotionale Fragen wie Liebe oder Bisexualität geht.

Ihre Kinder hat Julia Haart, die mit ihren 59 Jahren noch immer wie eine Fashion-Queen aussieht, fest im Griff. Typisch jüdische Mama könnte man sagen. Aber auch in unseren Breiten gibt es den Satz: „Den werden wir schon noch katholisch machen!“ Allerdings geht es bei Mama Haart in die entgegengesetzte Richtung, nachdem sie ihren Kids jahrelang das brave Hausmütterchen vorgespielt hat, will sie sie jetzt um jeden Preis vom Pfad der Religion abbringen. Bei den Töchtern ist ihr das schon weitgehend gelungen, aber der 14-jährige Sohn Aron leistet, tatkräftig unterstützt von jüdischen Organisationen seines Heimatortes, Widerstand. Er hat sich von seiner Freundin getrennt und sieht nicht mehr fern. Mutter Julia zieht alle Register, sie weint und bestellt Arons Ex ins Café. Dort kapert sie sein Handy und liest vor allen Gästen die SMS vor, in denen Aron dem Mädchen mitteilte, dass er mit ihr Schluss mache.

Solche unfassbaren Peinlichkeiten sind freilich auch etwas, das die Serie interessant macht. Man sieht, wie schwer es oft für Kinder ist, sich von erfolgreichen, dominanten Müttern zu lösen, die (wie einst die Väter) alles besser zu wissen glauben. Schließlich lässt Julia eine ihrer Töchter ihre Memoiren aus der Zeit bei den Ultra-Orthodoxen inklusive der detaillierten Schilderung des Geschlechtsverkehrs mit dem ersten Ehemann lesen. Geht das nicht zu weit? Hoffentlich hat die schonungslose Ehrlichkeit auch ihre positiven Seiten, indem sie dem Nachwuchs vermittelt wie das wirkliche Leben ist statt der Gänseblümchen-Idylle, die ihm früher gern vorgegaukelt wurde.

Fashion-Shows und Gucci-Taschen

Übrigens, einer lässt sich von Julias Selbsterfahrungswahn nicht hinwegspülen, ihr „bester Freund“ und Mitarbeiter Robert Brotherton, ein sympathischer Individualist inmitten all der Liebediener und Speichellecker am Hofe Julias. Zwischen Fashion-Shows, Influencern, Gucci-Taschen und Lunches, bei denen viel diskutiert, viel serviert, aber kaum was gegessen wird, kommt die Rolle von Religion ausführlich zur Sprache, was auch zu medialen Debatten geführt hat, in Deutschland unter dem Motto: „Orthodoxe als Fundamentalisten diffamieren, darf man das?“, in Israel wurde diskutiert, ob und wie weit die Serie antisemitisch sei. Es ist recht interessant, die diversen Kommentare, auch jene von Zusehern, im Internet nachzulesen.

Eins steht fest: Julia Haart ist eine grandiose und authentische Darstellerin ihrer selbst und ihrer Lebensphilosophie (meiner Ansicht nach glaubwürdiger als die eindimensional und lackiert wirkenden Kardashians). Und: „My Unorthodox Life“ ist ein weiterer Beitrag zu Filmen, Serien über orthodoxe Juden (von den Shtisels bis zu „One of us“ oder „Unorthodox“). Fast kann man schon von einer Welle sprechen, die weiter reicht als zur Betrachtung streng religiöser Gemeinschaften. Das allgemeine Thema dahinter ist interessant: Wie wichtig ist Geborgenheit, das Gefühl aufgehoben zu sein, nach festen Regeln zu leben, in unseren Zeiten von Unsicherheit, Einsamkeit und Mobilität? Und wie weit kann man sich von seinen Wurzeln entfernen, ohne unglücklich zu werden?

Das sind schon recht tief reichende Fragen, die hinter „My Unorthodox Life“, dieser schrägen, teils auch schrillen Mischung von Religion und Glamour stehen. Übrigens, Julia Haarts Memoiren in Buchform erscheinen im März 2022 unter dem Titel „Brazen: My Unorthodox Journey from Long Sleeves to Lingerie“ (Brazen heißt schamlos, dreist). Bei Amazon werden schon Vorbestellungen für das Buch entgegengenommen.

Die Narzissmus-Maschine, egal ob konfessionell oder säkular, dreht sich also munter weiter, auch wenn manche vermutlich finden, dass der verstorbene US-Historiker Christopher Lasch recht hatte, der bereits 1979 ein Buch „The Culture of Narcissism“ publizierte, ja von einer „Narcissistic Disorder“ (analog zu mental disorders, psychischen Störungen) in unserer Gesellschaft schrieb.    

Auf Netflix