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Ernährungsmedizin

Essen als Schlüssel zur Gesundheit

Der Stellenwert gesunder Ernährung soll sowohl Ärzten als auch Patienten noch stärker ins Bewusstsein gebracht werden.
Der Stellenwert gesunder Ernährung soll sowohl Ärzten als auch Patienten noch stärker ins Bewusstsein gebracht werden.BIG SHOT Foto+Film KG, Graz
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Falsche Ernährung ist eines der größten gesundheitlichen Risken. Das soll noch stärker in den Fokus der Mediziner gerückt werden, auch durch einschlägige Weiterbildung.

Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel sein“, wusste schon Hippokrates, jener griechische Arzt, der als Begründer der wissenschaftlich orientierten Medizin gilt. Doch oftmals scheint dieser Aspekt – nämlich der Zusammenhang zwischen Ernährung und Medizin – in den Hintergrund zu rücken, sowohl in der Ärzteschaft als auch bei Patienten. Laut einer Studie der OECD aus dem Jahr 2019 sind 19 Prozent aller Todesfälle auf ernährungsbezogenes Fehlverhalten zurückzuführen, etwa auf geringen Verzehr von Obst und Gemüse sowie hohen Konsum von Zucker und Salz. „Man geht davon aus, dass bis 2030 rund elf Millionen Menschen an ernährungsbedingten Krankheiten sterben werden, die man aber verhindern könnte“, sagt Kurt Widhalm, Präsident des Akademischen Instituts für Ernährungsmedizin (ÖAIE) in Wien. Er bedauert, dass dieses Problem bei Weitem noch nicht vollumfänglich als solches wahrgenommen wird und dass die Prävention hinsichtlich Übergewichts oder Hypercholesterinämie kaum eine Rolle spielt: „Übergewicht ist heutzutage vielfach nur mehr durch Operationen in den Griff zu bekommen. Diäten zeigen nur einen kurzfristigen Erfolg, es fehlt an Schulungen und Programmen, die auf die Passivität der Betroffenen ausgerichtet sind.“

 

Weiterbildung für Ärzte

Genau hier setzt die Ernährungsmedizin an. Bei der österreichischen Akademie der Ärzte können sich Mediziner mittels Diplom zum Ernährungsmediziner weiterbilden. Widhalm und das ÖAIE haben diese Aufgabe übernommen. Es ist mit 90 Fortbildungspunkten für das Diplom-Fortbildungsprogramm der Österreichischen Ärztekammer approbiert und wird ausschließlich nach Erlangung der selbstständigen Berufsberechtigung als Arzt verliehen. „Früher waren die Teilnehmer zu 80 Prozent Allgemeinmediziner, jetzt sind es 55 Prozent. Dafür interessieren sich mehr Pathologen oder Urologen für dieses Thema“, berichtet Widhalm. Die sechs Module werden in jeweils zwei Tagesblöcken abgehalten und befassen sich mit Lebensmittelkunde ebenso wie mit Nahrungsergänzungsmitteln, ernährungsbedingten Krankheiten und alternativen Ernährungsformen. Der nächste Ausbildungszyklus startet im Oktober.

Etwas intensiver kann man sich an der Donau-Universität Krems mit dem Thema auseinandersetzen, und zwar im Rahmen des berufsbegleitenden Masterstudiums Klinische Ernährungsmedizin. „Wir haben neben den Grundlagen einen starken Praxisbezug, vor allem in der Beratung“, sagt Christiane Fischer, Leiterin des Fachbereichs Medizinische Spezialisierungen und Gesundheitsförderung am Zentrum für Gesundheitswissenschaften und Medizin der Donau-Uni. Die angehenden Ernährungsmediziner beschäftigen sich mit dem Erstellen von Ernährungsempfehlungen und einschlägigen Therapiestrategien in der Prävention ebenso wie mit Interaktionen von Nahrungsmittelinhaltsstoffen, Mikronährstoffen und Arzneistoffen sowie mit Trends in der Ernährung und Ernährungsweltanschauungen.

Ansprechen will man mit diesem Angebot Ärzte, Diätologen und Ökotrophologen, aber auch Pharmazeuten, Sport- und Ernährungswissenschaftler, Physiotherapeuten und diplomiertes Gesundheits- und Krankenpflegepersonal.

 

Bewusstsein durch Corona

Das Bewusstsein für den Zusammenhang zwischen Ernährung und Medizin sei während der Coronapandemie gestiegen, sagt Fischer: „Die Menschen achten mehr auf den Kauf und die Verarbeitung von regionalen und saisonalen Produkten, auch Ernährungsweltanschauungen wie der Veganismus tragen zu einer bewussten Auseinandersetzung mit dem Essen bei.“ Dass die Donau-Uni den Universitätslehrgang als „klinisches“ Studium anlegt, will einen Hinweis darauf geben, dass vor allem in Krankenhäusern die Notwendigkeit groß ist, Ernährung in die Therapiepläne einzubeziehen, vor allem in die Nephrologie (Nieren), Gastroenterologie (Verdauung) und die Onkologie: „Hier ist vor allem das Thema Zucker wichtig, denn Zucker füttert den Krebs“, erklärt Fischer.

Doch nicht nur bei akuten oder chronischen Erkrankungen spielt der Aspekt Ernährung eine große Rolle, sondern „beispielsweise auch bei Verletzungen, Verbrennungen, Knochenbrüchen und nach Operationen. Sieht man die Ernährung in einem größeren Kontext, muss man natürlich Produktion, Verpackung oder Saisonalität auch berücksichtigen“, sagt Elisabeth Pail, Institutsleiterin für Diätologie und Co-Leiterin des Masterlehrgangs Angewandte Ernährungsmedizin an der FH Joanneum. Unsere Ernährungsweise habe Auswirkungen auf Umwelt, Luft, Klima und vieles mehr, was wiederum auf die Gesundheit und die Ernährungssicherheit wirke.

Das Studium, das in Kooperation mit der Med-Uni Graz durchgeführt wird, stellt das komplexe Gebiet der Ernährungsmedizin sowie strategische Querschnittskompetenzen wie Qualitätsmanagement, Forschung und Public Health in den Mittelpunkt. Es umfasst zwölf Module, von angewandter Biostatistik über Ernährungspsychologie bis zu Gesundheitsförderung in der Praxis.

 

Interdisziplinäre Kooperation

Ziel des Lehrgangs ist, neben der Spezialisierung der Absolventen auf fachlicher und wissenschaftlicher Ebene, auch die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Diätologen zu fördern. „Um die Effizienz ernährungsmedizinischer Maßnahmen zu belegen, sind beide Berufsgruppen gefordert, an den medizinischen Wissensstand angepasst zu arbeiten. So kann langfristig eine professionelle Versorgung, basierend auf interdisziplinärer Zusammenarbeit unter Berücksichtigung neuester Ergebnisse der angewandten Forschung sichergestellt werden“, sagt Pail.

Web:

www.arztakademie.at,

 

www.donau-uni.ac.at, www.oeaie.org

 

www.fh-joanneum.at

AUF EINEN BLICK

Ernährungsmedizin. Der Zusammenhang von (falscher) Ernährung und diversen Erkrankungen ist unbestritten. Dennoch wird der Ernährung noch zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt – sowohl von Patienten als auch von Ärzten. Eine Reihe von Fortbildungsangeboten soll hier Abhilfe schaffen und die Integration der Diätologen in die medizinische Praxis fördern. Rückenwind gibt es durch Corona sowie den Trend zu vegetarischer/veganer Ernährung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.08.2021)