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Unterwegs

Abschied aus Moskau

Imago
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Mit viel Gepäck, einem Mann in Weiß und in Erwartung der Erinnerungen.

Ich zog nach Moskau mit zwei Koffern und einem Rucksack. Das war vor knapp vier Jahren. Meine Abreise vor ein paar Wochen sah ein wenig anders aus. Ich musste eine Spedition beauftragen, die meine Siebensachen wieder nach Wien schaffen würde, so viel hatte sich angesammelt. Vier kräftige Männer rollten zerbrechliches Hab und Gut in Papierbögen. Sie verhüllten Christo-like einen ganzen Tisch sowie vier Stühle in weißer Plastikfolie. 32 Kisten zählte ich am Schluss. Nein, ich bin in Russland kein Messie geworden. Aber im Ausland neige ich zur Sammlerei. So viele Dinge, die einen an irgendetwas erinnern: an Dienstreisen, Interviews, besondere Abende. Prospekte, Bücher, Bilder, Möbelstücke.

Ohne Ballast verließ ich also die russische Hauptstadt. Mein erster Flug in eineinhalb Jahren. Fliegen habe ich nie gemocht, und diese Abneigung hat auch die Pandemie nicht ändern können. Der Flughafen Domodedowo erinnerte wie früher an einen Busbahnhof, in dem desorientierte Reisende verzweifelt ihre Verbindung nach Anapa, Ufa und Wladikawkas suchen. Nur ein Gedanke: Nichts wie weg! Im Flugzeug saß ich neben einem Mann, der ganz in Weiß gekleidet war. Er verschloss ohne zu fragen die Sichtblende und fiel bis Wien in tiefen Schlaf.

Moskau aus der Luft habe ich nicht mehr gesehen. Es war ein blinder Abschied ohne dramatischen Augenblick. Auch meine wieder ausgepackten Besitztümer haben bisher keine emotionalen Ausnahmezustände in mir ausgelöst. Die Erinnerung lässt sich nicht dingfest machen. Sie kommt überraschend, unangekündigt, beim Essen oder Abwaschen. Ich freue mich auf sie.

jutta.sommerbauer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.08.2021)