Mein Dienstag

Erinnerungen an versteckten Alltagsrassismus

Die Presse/Clemens Fabry
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Mikroaggressionen und Alltagsrassismus – vielen Betroffenen sind sie gar nicht bewusst. Sie kennen es nicht anders. Vielleicht ist das auch besser so.

Wenn sie mit männlichen Freunden mit Migrationshintergrund unterwegs ist, habe sie das ständige Bedürfnis, sie zu beschützen, zu verteidigen und sich für sie einzusetzen, schrieb Journalistin und Buchautorin ("Generation Haram") Melisa Erkurt einst in ihrer „Falter“-Kolumne. Denn die meisten von ihnen würden die Mikroaggressionen gegen sich – abwertende Blicke, respektlose Kommentare, subtile Diskriminierung in Form von provokanten Suggestivfragen – gar nicht bemerken. Schließlich kennen sie es nicht anders, halten ihre Wirkung auf ihre Umgebung für normal.

Tatsächlich ist das eine außergewöhnlich scharfe Beobachtung, die vielen „Betroffenen“ die Augen öffnete und auf die zuletzt ein befreundeter Schauspieler mit türkischen Wurzeln bei einem Pokerabend einging. Einer, der es zu beachtlichem Ruhm gebracht hat, regelmäßig erkannt und nach Selfies gefragt wird. Einer, der auf Baustellen arbeitete und weiß, wie es sich anfühlt, an der Tür einer Disco abgewiesen zu werden.

Dass er Discos mittlerweile durch den VIP-Eingang betreten könnte, in Restaurants am besten Tisch sitzt und bei Spaziergängen permanent angelächelt wird, erinnere ihn jeden Tag schmerzlich an sein früheres Leben. Natürlich weiß er, dass er prominent ist, und gewöhnliche Menschen nicht dauernd ein herzliches Lächeln bekommen.

Er weiß aber auch, dass gewöhnliche Menschen an der Theke einer Bar nicht immer als Letztes bedient werden; ältere Paare nicht die Straßenseite wechseln, wenn sie ihnen nachts entgegenkommen; und sie Mitarbeiter von Behörden nicht in gebrochenem Deutsch ansprechen, weil sie automatisch von Sprachproblemen ausgehen. An manchen Tagen wünsche er sich daher, er wäre Bauarbeiter geblieben. Und hätte diesen Unterschied in der Wahrnehmung seiner Person nie kennengelernt.

Klingt aus der Distanz bestimmt larmoyant. Und undankbar. Der arme Filmstar, der in einer schicken Dachterrassen-Lounge an seinem Mojito nuckelt, den er nicht bezahlen muss, und mit seinem Schicksal hadert.

Soll ja auch nur eine Metapher sein. Für ein Phänomen, das nur einem sehr exklusiven Kreis an Menschen vorbehalten ist. Ja, Exklusivität hat viele Gesichter.

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com

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