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Der Staat, ein Produkt der Evolution?

Staat Produkt Evolution
(c) APA (CH. MAIRHUBER / �KOTEAM)
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Die Geschichte der Macht soll mit einer völlig neuen Methode, der der phylogenetischen Stammbäume, systematisch rekonstruiert werden.

Wie entstehen so komplexe Gebilde wie Staaten? Lange kam die Menschheit ohne sie aus, die Jäger und Sammler waren in kleinen, egalitären Gruppen organisiert. Das änderte sich, als vor 10.000 Jahren die Landwirtschaft kam: Die Menschen wurden sesshaft, institutionalisierte Machtstrukturen entstanden. Dann dauerte es wieder lange: Die ersten Staaten kamen vor 3600 Jahren, sie waren ein Produkt des Reichtums: Die Vorräte der Landwirtschaft mussten bewacht werden, dafür stellten die Gesellschaften Spezialisten frei, Krieger. Die zogen bald selbst auf Raubzüge, am Anfang nicht weiter als einen Tagesmarsch – die Anführer mussten bei einem Putsch zeitig zurück sein, dadurch blieb die Größe der Territorien limitiert.

Diese Grenzen fielen mit der Erfindung der Bürokratie. Wieder wurde eine neue Ebene in soziale Organisationen eingezogen: Spezialisten, die entlegene Provinzen verwalteten, ohne selbst Machtansprüche zu stellen. So ist das grobe Bild, so destilliert man es aus Regionalgeschichten: Die Komplexität politischer Verbände wächst langsam, Schritt für Schritt, vom Stamm über das Fürstentum und den Staat bis zum Imperium. Große Sprünge, etwa direkt vom Stamm zum Imperium, gibt es nicht. „Das ist das breiteste Muster der Geschichte“, vermutete Jared Diamond – ein Physiologe, der es vor allem als autodidaktischer Anthropologe zu Ruhm gebracht hat – in „Arm und Reich“.

Allerdings stützt sich das Muster auf archäologische Funde und Fallstudien heutiger Gesellschaften, eine systematische Rekonstruktion der Geschichte können sie nicht liefern. Die wollen nun nun Thomas Currie und Ruth Mace (University College London) nachholen: Sie gehen mit einer völlig neuen Methode an die Analyse der Geschichte von Institutionen, mit der der phylogenetischen Stammbäume. Die kommen aus der Evolutionsbiologie, sie sollen aus heutigen Genen die Geschichte der Natur rekonstruieren: Wie sind welche Lebensformen verwandt, wie haben sie sich entwickelt, wie waren die Übergänge, fließend oder sprunghaft?

 

Sprachstammbäume als Schlüssel

Dafür gibt es Algorithmen, Currie/Mace haben sie übernommen – und nicht auf Gene angewandt, sondern auf Sprachen, die von Austronesien, das ist die pazifische Inselwelt, die von Taiwan bis Neuseeland und von Madagaskar bis zu den Osterinseln reicht. 1200 Sprachen gibt es dort, von 400 wurde gerade ein Stammbaum erarbeitet. Ihn haben die Forscher mit den heutigen politischen Institutionen der Sprecher der jeweiligen Sprachen abgeglichen. Das brachte den zentralen Befund, dass sich die Komplexität politischer Gebilde tatsächlich in kleinen Schritten entwickelt, beim Zerfallen geht es auch in großen (Nature 467, S.801).

Diamond ist begeistert und vergleicht die methodische Innovation mit dem „Ei des Kolumbus“ (Nature, 467, S.798). Allerdings gibt es auch Kritik, Robert Carneiro (American Museum of Natural History) etwa kann nicht sehen, „wie man von linguistischen Stammbäumen auf politische Evolution kommt“ (NatureNews, 13.10.). Das erinnert tatsächlich etwas an ein Wunder, die Forscher erklären es in der Arbeit auch nicht (und beantworten Rückfragen nicht).

In einer früheren Publikation gaben sie immerhin einen Wink: Das Bindeglied zwischen Sprache und politischer Komplexität war dort die Größe des Territoriums – je ausgedehnter das ist, desto komplexer muss die politische Organisation gewesen sein –, in dem die Sprache gesprochen wird. Aber in dieser Arbeit beschränkten sich die Forscher auf Landmassen und schlossen Austronesien explizit aus, weil Sprachen sich auf Inseln anders ausbreiten, mit Siedlern, nicht mit Machtausdehnung (Pnas, 106, S.7339).

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.10.2010)