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Film

"Promising Young Woman": Eine Frau hält Männern den Spiegel vor

Carey Mulligan in "Promising Young Woman".
Carey Mulligan in "Promising Young Woman".(c) Courtesy of Focus Features
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Im sehenswerten satirischen Drama „Promising Young Woman“ zieht Carey Mulligan gegen eine übergriffige Männerwelt zu Felde. Das Regiedebüt der „The Crown“-Schauspielerin Emerald Fennell wurde mit einem Drehbuch-Oscar prämiert.

„Ich bin ein netter Typ“, beteuert Neil. Er ist schockiert, frappiert und irritiert. Gerade war die Frau auf seiner Couch noch angetrunken. Jetzt steht sie stocknüchtern da und macht ihm peinsame Vorhaltungen. In frechem, jovialem Ton! Ja sag einmal, wo gibt's denn das? Dabei ist er ein richtig netter Typ, immerzu freundlich und zuvorkommend! Oder? Sein Gegenüber ist anderer Meinung. Und zieht Neils Selbstbild genüsslich in Zweifel. Würde ein netter Typ eine wildfremde, stark alkoholisierte Clubbekanntschaft abschleppen, sie zügellos zutexten, ihr gegen ihren ausdrücklichen Wunsch Koks hinter die Lippen schmieren? Hätte ein netter Typ sie nicht zumindest nach ihrem Namen gefragt, bevor er sie befummelte? Zwar hatte Neil seine Zudringlichkeiten pausiert, als seine Besucherin eingenickt schien. Immerhin. Aber nett? Nett macht ihn das genauso wenig wie sein rotes Flanellhemd.

Neil ist nur einer von vielen Männern, die Cassie (Carey Mulligan) bewusst hinters Discolicht führt, um sie dort vor ihren Dickkopf zu stoßen. Jeden freien Abend geht die strohblonde 30-Jährige fort, schützt auf Tanzflächen und vor Tresen schwere Trunkenheit vor. Und wird zumeist von hilfsbereiten Männern aufgegabelt, die ihren Zustand rücksichtsvoll und ohne böse Absicht auszunutzen gedenken. Bis das blaue Wunder um die Ecke biegt.

Rachefeldzug mit Bildungsauftrag

Soweit das Grundszenario von „Promising Young Woman“. Emerald Fennells schwarzhumorig-satirisches Drama feierte in den USA bereits vor Pandemiebeginn Premiere, vergangenen April wurde es mit einem Drehbuch-Oscar ausgezeichnet. Heute startet der Film auch in heimischen Kinos. Von der Brisanz, die seinen Hype befeuert hat, hat er nichts verloren. Kein Wunder: Sexismus, Gewalt gegen Frauen, ihre Verharmlosung, Verdrängung und Vertuschung – das sind keine saisonalen Reizthemen, sondern gesellschaftliche Kernprobleme, deren Erörterung und Aufarbeitung noch lang nicht zu Ende sind. Und Fennells Film adressiert sie ohne Umschweife oder falsche Pietät.

Zunächst bleiben Cassies Motive unklar, doch stückweise schält sich heraus, dass die junge Frau Rache im Sinn hat. Ihre Freundin aus Uni-Zeiten wurde vor Jahren vergewaltigt und beging daraufhin Selbstmord, die Täter blieben unbescholten. Nun revanchiert sich Cassie im Namen der Toten bei der Männerwelt. Wobei ihre Vendetta weniger rabiat ausfällt als die vieler Heldinnen des sogenannten „Rape Revenge“-Genres. Dessen Zentralwerke – Meir Zarchis „I Spit on Your Grave“ (1978), Abel Ferraras „Ms. 45“ (1981) oder Coralie Fargeats „Revenge“ (2017) – sind vulgärfeministische Vergeltungsfantasien voller kathartischer Gegengewalt. Im Vergleich dazu ist Cassies Rachefeldzug eher pädagogischer Natur. Auf Männer (vielleicht auch auf manche im Publikum) wirkt diese empathische und verletzliche, aber nie schutzlose Frau schnell wie eine bedrohliche Psychopathin. Dabei sind ja sie diejenigen, die manipulieren und nötigen. Cassie lässt sich nur auf sie ein, um den Spieß umzudrehen und Erkenntnisprozesse in Gang zu setzen. Gekonnt wechselt Carey Mulligan dabei die Rollenregister, mutiert von der angeschickerten Tussi zur sardonischen Kritikerin, die ihre „Opfer“ vor allem mit ihrer eigenen Scham konfrontiert. Ab und zu zeigt sie auch ihr wahres Gesicht: das eines von Wut, Trauer und Trauma gezeichneten Menschen.

Feminismus nach Social-Media-Muster

Didaktisch ist auch der Zugang des Films. Bisweilen ähnelt er einem Essay über die mannigfaltigen Rationalisierungen sexuellen Missbrauchs. Knapp zwei Stunden lang klappert die Hauptfigur sie ab, nimmt männliche Ausreden (Es war nicht ernst gemeint! Sie hat mich provoziert! Wir waren noch so jung!) ebenso hart ins Gericht wie Frauen, die diese Ausreden akzeptieren oder stillschweigend über Sexualvergehen hinwegsehen. Der Checklistencharakter passt zum zeitgeistigen Social-Media-Duktus im Umgang mit feministischen Anliegen. Ein Beispiel: Im Netz ist der eingangs erwähnte Typus des „netten Typs“ längst ein kodifiziertes Meme.

Diese oft etwas plakative Diskursanbindung hat fraglos zum Oscar-Erfolg der 35-jährigen britischen Autorenfilmerin Fennell, die ihre Karriere als Schauspielerin begonnen hat, beigetragen. Ansonsten passt „Promising Young Woman“ nämlich nicht ins Qualitätsschema der Academy. Zu knallig, höhnisch, komödiantisch und wendungsreich, kurzum: unterhaltsam kommt der Film daher. Was ihn freilich besonders sehenswert, um nicht zu sagen: „besonders wertvoll“ macht. Schade nur, dass er die erstaunliche Kompromisslosigkeit seiner Kritik nicht bis zum Schluss durchhalten kann – oder will.


[RQ0AE]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.08.2021)