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Der ökonomische Blick

Wie sich die Uni-Reform auf Nachwuchswissenschaftler auswirkt

Die Presse (Clemens Fabry)
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Durch die Novelle des Universitätsgesetzes werden mehr Befristete in kürzeren Abständen durch das System geschleust. Die Wahrscheinlichkeit eine Dauerstelle zu bekommen sinkt.

Die Novelle des Universitätsgesetzes (UG) sieht als Grundregel eine maximal achtjährige Gesamtdauer für befristete Arbeitsverhältnisse von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an derselben Universität vor. Dabei ist egal ob diese Arbeitsverhältnisse unmittelbar aneinander anschließen oder immer wieder unterbrochen werden. Das Ministerium feiert dies als Fortschritt der zu mehr Planungssicherheit führe, und nimmt die Universitäten im Rahmen derselben Novelle in die Pflicht, nun konkrete Maßnahmen zur Verstetigung von befristeten Beschäftigungsverhältnissen anführen zu müssen.

Aber es gibt auch viel Kritik: Durch die Verschärfung der Befristungsregel würden Karrierebrüche und Ortswechsel erzwungen, was Frauen und Angehörige von Minderheiten besonders treffe. Lange an einem Standort aufgebaute Expertise drohe verloren zu gehen.

Sogar wenn sich ein Forscher durch ein kompetitiv eingeworbenes Drittmittelprojekt selbst finanziert, ist ein Verbleib an derselben Universität über acht Jahre hinaus nur möglich, wenn ein unbefristetes Arbeitsverhältnis eingegangen wird. Abseits der wenigen Laufbahnstellen und Professuren (laut Universitätsbericht 2020 machten sie weniger als ein Viertel des gesamten wissenschaftlichen Personals an den österreichischen Universitäten aus) waren und sind die Universitäten aber bisher kaum bereit unbefristete Arbeitsverhältnisse anzubieten. 

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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#IchBinHanna

Für Aufregung sorgte ein vom deutschen Bundesforschungsministerium ins Netz gestelltes Erklär-Video, in dem am Beispiel der fiktiven Biologin Hanna die Vorzüge des dort geltenden Wissenschaftszeitvertragsgesetzes erläutert werden: nach der Promotion hat man maximal sechs Jahre Zeit sich im Rahmen von befristeten Arbeitsverhältnissen für eine Professur zu qualifizieren. Das Gesetz sorge für Innovationskraft der Wissenschaft und dafür, dass es Fluktuation gebe und Ältere nicht die Stellen für den Nachwuchs „verstopfen“. In den sozialen Medien wurden seither unter dem Hashtag #IchBinHanna unzählige, oft die Ausdrucksweise des Videos persiflierende, Biografien veröffentlicht.

Um die Auswirkung der Befristung und mögliche Maßnahmen zu analysieren, können die Personalstruktur Universitäten als ein System von Bestands- und Stromgrößen betrachten. Der Einfachheit halber betrachten wir nur zwei Gruppen von wissenschaftlichem Personal: befristet (z.B. “Postdocs”) und unbefristet Beschäftigte (z.B. Professorinnen). Jedes Jahr werden neue befristete Stellen besetzt. Ein gewisser Anteil der befristet Angestellten wird am Ende der maximalen Dauer entfristet (“tenured” oder auf eine Professur berufen). Die nicht entfristeten scheiden aus dem System aus. Die unbefristeten verlassen das System erst mit ihrer Pensionierung. 

Wenn die Zahl der befristeten und unbefristeten über die Jahre konstant bleiben soll, dann gilt folgende einfache Beziehung: Der Anteil jener die entfristet werden können (was als “Karriereperspektive” bezeichnen werden könnte) ist umso größer, je größer die Zahl der unbefristeten Stellen ist und je kürzer die Verweildauer auf einer unbefristeten Stelle ist. Er ist auch umso größer, je geringer die Zahl der befristeten Stellen und je länger die maximale Befristungsdauer.

Wenn ein typischer Wissenschaftler im österreichischen System die oben erwähnten acht Jahre als PostDoc verbringt, und jeder Dritte es im Alter von 40 Jahren auf eine Dauerstelle schaffen soll, auf der er dann 25 Jahre bis zur Pensionierung verbleibt, müsste es an den Universitäten gleich viele befristete wie unbefristete Stellen geben. Ein Blick in typische Institute zeigt, wie weit wir davon entfernt sind. Wenn die Chance auf eine unbefristete Stelle bei 50 Prozent liegen soll, müsste es für jede befristete Stelle schon eineinhalb Dauerstellen geben.

Mehr Befristete in kürzeren Abständen

Somit ist auch klar, wie eine geringere Befristungsdauer auf das Universitätssystem wirkt: Es werden mehr Befristete in kürzeren Abständen durch das System geschleust. Zugleich sinkt der Anteil jener, die das System langfristig aufnimmt. Mehr junge Leute bekommen die Chance eine Karriere an der Universität zu beginnen, und es entscheidet sich früher, ob eine Karriere an der Universität fortgesetzt werden kann. Die Wahrscheinlichkeit eine Dauerstelle zu bekommen sinkt hingegen. 

Ähnlich wirkt eine zunehmende Bedeutung von Drittmitteln an Hochschulen. Die derzeitige Förderpraxis schafft in erster Linie befristete Stellen, was die individuellen Chancen auf eine Dauerstelle verschlechtert.

Es handelt sich also auch um ein Problem relativer Größen: Dem Verhältnis von befristeten zu unbefristeten Stellen. Die Wissenschaftssprecherin einer Regierungspartei verweist auf den Universitäten zusätzlich zur Verfügung stehende Mittel, die sie doch zur Schaffung von “entprekarisierten Karrieremodellen” nutzen sollen. Anscheinend sind die Mittel nicht ausreichend oder werden anderweitig eingesetzt. An der größten Universität des Landes herrscht jedenfalls seit mehreren Monaten eine Ausschreibungssperre. 

Philipp Schmidt-Dengler
Philipp Schmidt-Dengler

Der Autor

Philipp Schmidt-Dengler ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Wien und Research Fellow am Centre for Economic Policy Research in London.

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