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Afghanistan

Feuergefecht am Eingang zum Flughafen Kabul

US-Soldaten sichern den Flughafen von Kabul ab.(c) imago images/UPI Photo (LANCE CPL. NICHOLAS GUEVARA via www.imago-images.de)
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Bei dem Angriff sind eine afghanische Sicherheitskraft getötet und drei weitere verletzt worden. Laut US-Regierung bestehe am und um den Flughafen von Kabul die Gefahr eines Anschlags der Terrormiliz "Islamischer Staat".

Bei einem Feuergefecht afghanischer Sicherheitskräfte sowie deutscher und US-amerikanischer Soldaten mit unbekannten Angreifern am Flughafen Kabul ist ein Soldat der inzwischen aufgelösten afghanischen Armee, der zusammen mit den internationalen Kräften zum Schutz des Airports eingesetzt war, getötet worden. Drei weitere afghanische Sicherheitskräfte wurden Montagfrüh verletzt, twitterte die deutsche Bundeswehr. Die Taliban wollen einer Verlängerung der Evakuierungen aus Afghanistan indes nicht zustimmen. 

Von dem Flughafen starten die Evakuierungsflüge, mit denen westliche Staaten nach der Machtübernahme der militant-islamistischen Taliban eigene Bürger und afghanische Ortskräfte außer Landes bringen. So konnten am Sonntag auch weitere acht Österreicher ausgeflogen werden. Soldaten der ehemaligen afghanischen Armee sind an der äußeren Zugangsschleuse zum Flughafen eingesetzt. Eine zweite, innere Zugangsschleuse wird von US-Soldaten bewacht.

Moskau warnt vor Bürgerkrieg

Russland sieht unterdessen die Gefahr eines Bürgerkriegs in Afghanistan, gleichzeitig erklärte Moskau, sich nicht einmischen zu wollen. Potenziell bestehe das "Risiko eines erneuten Bürgerkriegs in Afghanistan", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Montag laut Agentur Interfax. "Natürlich hat niemand vor, sich in diese Ereignisse einzumischen", sagte Peskow auf die Frage nach einer möglichen russischen Intervention. Die aktuelle Situation berge aber "eine zusätzliche Gefahr und Bedrohungen".

Russland beobachte den Siegeszug der militant-islamistischen Taliban in Afghanistan mit Sorge. Befürchtet wird unter anderem, dass Kämpfer in Zentralasien in ehemals sowjetisches Gebiet eindringen könnten. Moskau führt seit langem Verhandlungen mit den Taliban, die nach 20 Jahren jüngst wieder Macht in Afghanistan übernommen haben.

Schusswechsel gegen 4.15 Uhr

Bezüglich der Ereignisse am Flughaben im Kabul kam es nach Angaben der deutschen Bundeswehr zu dem Schusswechsel gegen 4.15 Uhr (MESZ) am Nordtor des Airports. Alle deutschen Soldaten seien unverletzt geblieben. Die deutsche Botschaft hatte erst kurz zuvor gewarnt, dass es an den Zugängen immer noch sehr häufig zu gefährlichen Situationen und bewaffneten Auseinandersetzungen komme. Das Tor im Norden sei weiter geschlossen. Aufgrund der Sicherheitslage riet die Botschaft die Deutschen und afghanischen Ortskräften "dringend" von Fahrten zum Flughafen ab. Es sei vorläufig grundsätzlich sicherer, zu Hause oder an einem geschützten Ort zu bleiben.

Die verletzten afghanischen Soldaten wurden von norwegischen Sanitätern auf dem Flughafengelände behandelt. In den vergangenen Tagen hatte sich die Sicherheitslage zugespitzt. Im Gedränge vor den zeitweise geschlossenen Toren des Flughafens gab es am Wochenende mindestens sieben Tote.

Akute Terrorgefahr

Über die Angreifer am Flughafen wurde zunächst nichts bekannt. Die US-Regierung hatte erst am Sonntag Sorgen vor einem Anschlag der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) am Flughafen oder in der Umgebung geäußert. "Die Bedrohung ist real, sie ist akut, sie ist anhaltend", sagte der Nationale Sicherheitsberater von US-Präsident Joe Biden, Jake Sullivan, im Sender CNN. Man nehme die Warnungen "absolut todernst". Die Taliban und der regional aktive Zweig des IS sind verfeindet und haben in der Vergangenheit gegeneinander gekämpft.

Die Bundeswehr hat inzwischen mehr als 2.700 Menschen aus Kabul ausgeflogen, darunter mehr als 1.800 Afghanen. In der Hauptstadt des Nachbarlandes Usbekistan, Taschkent, landete nach Angaben der Bundeswehr aus der Nacht ein Flugzeug mit 213 Passagieren. Auch die USA und andere westliche Staaten führen Evakuierungen durch. Vor einer Woche hatten die militant-islamistischen Taliban Kabul erobert und die Macht übernommen. Seitdem fürchten sich Oppositionelle, Journalisten, Menschenrechtler und auch Ortskräfte, die für westliche Staaten tätig waren, vor Racheaktionen.

"Herzzerreißende" Szenen

Biden sagte, seit dem Beginn der US-Evakuierungsmission am 14. August hätten US-Streitkräfte und ihre Koalitionspartner fast 28.000 Menschen aus Kabul ausgeflogen. Innerhalb von 36 Stunden seien zuletzt rund 11.000 Menschen über die Luftbrücke in Sicherheit gebracht worden. Der Präsident warnte aber: "Wir haben noch einen langen Weg vor uns, und es kann noch viel schiefgehen." Die Szenen am Flughafen nannte Biden "herzzerreißend". Er betonte zugleich, die Evakuierung von Tausenden Menschen aus Kabul wäre immer "hart und schmerzvoll" verlaufen, unabhängig vom Zeitpunkt ihres Beginnes. Bidens Regierung wird vorgeworfen, zu spät damit begonnen zu haben.

Die NATO will derzeit kein konkretes Datum für ein Ende der Evakuierungsflüge aus Afghanistan nennen. "Die Lage am Flughafen in Kabul bleibt extrem herausfordernd und unberechenbar", sagte ein Bündnissprecher am Montag in Brüssel. Gemeinsam mit alliierten Truppen werde daran gearbeitet, die Evakuierungen fortzusetzen. Derzeit verließen täglich Dutzende Flüge Kabul.

Weitere Gespräche zum Thema wird es nach Angaben des Sprechers bei dem per Videokonferenz organisierten G7-Sondergipfel zur Lage in Afghanistan an diesem Dienstag geben. An den Beratungen nimmt auch NATO-Generalsekretär Jens Stoltenberg teil.

Der Kabuler Flughafen wird seit der Machtübernahme der radikalislamischen Taliban vor einer Woche von ausländischen Soldaten gesichert. Tausende verzweifelte Menschen drängen sich vor den Zugangstoren, am Samstag wurden die Tore deshalb zeitweise ganz geschlossen. Daraufhin kam es zu Panik und Gedränge, mehrere Menschen kamen darin ums Leben. Auch die Evakuierungsflüge gerieten ins Stocken.

US-Mehrheit hält Abzug für schlecht gehandhabt

Angesichts des Chaos' in Afghanistan ist eine große Mehrheit der Amerikaner einer Umfrage zufolge mittlerweile unzufrieden mit dem Verlauf des von US-Präsident Joe Biden angeordneten Truppenabzugs. 74 Prozent der Befragten gaben an, die USA hätten den Rückzug schlecht gehandhabt, wie der Sender CBS am Sonntag (Ortszeit) mitteilte - obwohl 63 Prozent einen Abzug der amerikanischen Streitkräfte an sich befürworteten. Auch Bidens Zustimmungswerte nahmen deutlich ab.

Nur noch 50 Prozent zeigten sich zufrieden damit, wie der Präsident seinen Job macht. Im vergangenen Monat waren es noch 58 Prozent, im März sogar 62 Prozent. Fast zwei von drei Befragten glaubten nicht, dass Biden einen klaren Plan dafür habe, amerikanische Zivilisten aus Afghanistan zu evakuieren. 59 Prozent vertraten die Meinung, dass die USA nicht genug unternähmen, um Afghanen zu helfen, die vor den Taliban fliehen wollten. 62 Prozent der Befragten gaben dem Demokraten Biden eine Mitschuld für die Machtübernahme der Taliban - deutlich mehr als seinem republikanischen Vorgänger Donald Trump (50 Prozent). 60 Prozent gingen davon aus, dass die Terrorbedrohung für die USA mit der Machtübernahme der Taliban zunehme.

Das Institut Yougov befragte für CBS 2142 Erwachsene in den USA. Die Umfrage fand zwischen dem 18. und dem 20. August statt. Die Taliban hatten am 15. August wieder die Macht in Afghanistan übernommen. Am Vortag hatten die USA mit ihrer Evakuierungsmission begonnen.

>> Mehr dazu: Katar und die Taliban: Golfstaat als Terrorbasis?

(APA/dpa)