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Der ökonomische Blick

Alle Liegen sind besetzt: Der Wettlauf am Pool aus ökonomischer Sicht

People cool off in a swimming pool at Barceloneta neighborhood in Barcelona, Spain
REUTERS
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In der Volkswirtschaftslehre wird oft über die Verteilung knapper Ressourcen debattiert. Wie sieht es nun mit der Ressource Liegestuhl aus? Und: Kann man anhand des „Handtuchproblems“ auch größere Themen diskutieren?

Sie sind gerade in Ihrem Traumurlaubsort angekommen. Sie hatten eine erholsame Nacht, die kaum von Mücken unterbrochen wurde. Sie sind gerade aufgewacht und haben gemütlich und reichlich gefrühstückt. Sie machen sich auf den Weg zu dem Swimmingpool, der auf der Webseite so verlockend aussah. Und was finden Sie vor? Sie finden Handtücher. Tatsächlich finden Sie Handtücher auf jedem einzelnen der Liegestühle, die das Ressort bereitgestellt hat. Während fast kein einziger Liegestuhl wirklich besetzt ist, ist kein einziger Liegestuhl wirklich frei.

In der Volkswirtschaftslehre geht es angeblich (in erster Linie?) um die Verteilung knapper Ressourcen. Wie sieht es nun mit der knappen Ressource Liegestuhl am Pool eines Urlaubsortes aus?

Jeden Montag gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

Beiträge von externen Autoren müssen nicht der Meinung der „Presse"-Redaktion entsprechen.

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Betrachten wir das Problem zunächst aus der Sicht des Ressorts. Wie haben sie entschieden, wie viele Liegestühle sie zur Verfügung stellen werden? Wahrscheinlich gibt es ein kleines Platzproblem. Oder anders ausgedrückt: Wahrscheinlich ist die Leitung der Ferienanlage versucht, den Platz zwischen Hotelzimmern und Liegestühlen so aufzuteilen, dass es mehr Zimmer gibt, damit sie mehr zahlende Gäste haben können. Es macht wahrscheinlich wenig Sinn, mehr Liegestühle als Betten zu haben (es sei denn, die Anlage ist auch für Tagesgäste geöffnet - wovon wir hier nicht ausgehen wollen). Aber sollte man weniger Liegestühle als Betten haben? Ich kann mir das Gespräch in der Geschäftsleitung über diese Frage vorstellen. Jemand wird darauf hingewiesen haben, dass es wahrscheinlich in Ordnung ist, mehr Betten als Liegestühle zu haben, weil nicht alle Leute, die in der Anlage schlafen, auch einen Liegestuhl brauchen. Einige Gäste machen vielleicht Tagesausflüge zu anderen Orten. Und selbst wenn alle Gäste einen Liegestuhl wollen, brauchen sie ihn wahrscheinlich nicht alle gleichzeitig. Der durchschnittliche Gast verbringt vielleicht, sagen wir, vier Stunden pro Tag in einem Liegestuhl (das scheint mir eine lange Zeit zu sein). Und nicht alle Gäste werden dieselben vier Stunden im Liegestuhl verbringen wollen. Es gibt vielleicht Vormittagsliegemenschen und Nachmittagsliegemenschen, um-das-Mittagessen-herum-Liegemenschen, Früh-morgens-Liegemenschen, Spät-abends-Liegemenschen, usw.

Zwei Gleichgewichte

Wahrscheinlich haben sie sogar recht (das sind ja nur die Manager, die ich mir in meinem Kopf vorstelle). Wahrscheinlich ist es in vielen Ferienanlagen so, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt des Tages die Zahl der tatsächlich benötigten Liegestühle geringer ist als die Gesamtzahl der theoretisch verfügbaren Liegestühle. Schließlich sieht man oft viele Liegen, auf denen nur ein Handtuch liegt. Es gibt also keine wirkliche Knappheit, und dennoch gibt es Menschen, die keinen Liegestuhl finden, wenn sie einen brauchen. Das Problem ist, dass es bei diesem "Spiel" zwischen den Gästen des Ressorts zwei Gleichgewichte geben kann, und es ist leicht, im "schlechten" Gleichgewicht stecken zu bleiben.

Was tun Sie am nächsten Tag, wenn Sie feststellen, dass alle Liegestühle durch das Platzieren von Handtüchern reserviert sind? Nun, Sie haben zwei Möglichkeiten. Entweder Sie geben die Hoffnung auf, einen Liegestuhl zu bekommen, oder Sie stehen früh auf und legen selbst ein Handtuch auf einen Stuhl.

Was tun Sie, wenn Sie feststellen, dass immer Liegestühle verfügbar sind (an schönen Stellen am Pool)? Sie denken gar nicht daran, früh aufzustehen, nur um ein Handtuch auf einen Stuhl zu legen.

Das bedeutet, dass sich beide Situationen selbst verstärken. Wenn niemand morgens Handtücher auflegt (und es zu keinem bestimmten Zeitpunkt eine echte Knappheit gibt), dann wird auch niemand auf die Idee kommen, morgens Liegestühle mit Handtüchern zu reservieren. Wenn die Leute jedoch morgens Handtücher auflegen und Sie keinen Liegestuhl finden, wenn Sie einen brauchen, stehen Sie möglicherweise früh auf, um selbst ein Handtuch zu platzieren. Es kann sogar zu einem Wettlauf kommen, so dass Sie immer früher aufstehen müssen, um einen leeren Liegestuhl für Ihr Handtuch zu finden. Das Gleichgewicht ist dann so, dass genau so viele Menschen früh genug aufstehen, um ein Handtuch auf einen Liegestuhl zu legen, wie es Liegestühle gibt. Das sind diejenigen, denen es relativ weniger wichtig ist, morgens zu schlafen. Das nennt man übrigens die Harsanyi-Purification (von gemischten Nash-Gleichgewichten).

Wie kann man also von einem "guten" Gleichgewicht in ein "schlechtes" Gleichgewicht abrutschen und was könnte das Ressort tun, um das "schlechte" Gleichgewicht zu verhindern? Ich vermute, dass die meisten Urlaubsorte eine Vielzahl von mehr oder weniger attraktiven Liegestühlen haben. Es ist also möglich, dass einige Leute anfangen, Handtücher auf die attraktivsten Plätze zu legen, was dann eine allmähliche Kettenreaktion auslöst, so dass schließlich alle Liegestühle mit Handtüchern bedeckt werden. Eine andere Möglichkeit ist, dass eine ausreichend große Gruppe von Touristinnen und Touristen, vielleicht mit Erfahrungen aus anderen Urlaubsorten und ohne zu wissen, dass in ihrem jetzigen Urlaubsort kein wirklicher Bedarf dafür besteht, aufsteht und Handtücher auflegt und so viele Stühle abdeckt, dass für die verbleibenden Stühle irgendwann eine echte Knappheit entsteht.

Einfache Maßnahmen

Wenn der wahre Grund für das Liegestuhlproblem darin liegt, dass wir uns einfach in einem schlechten Gleichgewicht befinden, dann kann der Urlaubsort einige einfache und wirksame Maßnahmen einführen, um das gute Gleichgewicht wiederherzustellen. Sie könnten zum Beispiel einfach das „Behandtuchen“ der Liegestühle verbieten. Oder sie könnten die Handtücher nach einiger Zeit entfernen. Diese Maßnahme ist etwas kostspielig, da jemand den Poolbereich überwachen und diese Regel durchsetzen muss. Aber vielleicht ist das gar nicht so lange nötig, denn sobald sich ein gutes Gleichgewicht eingestellt hat, kann man aufhören, die Regel zu überwachen (da sie sich von selbst durchsetzt).

Man könnte schlussendlich noch überlegen, ob man anhand des Handtuchproblems auch etwas größere ökonomische Probleme wie das Parkplatzproblem oder gar das Arbeitsplatzproblem diskutieren könnte. Aber das überlasse ich lieber Ihnen.

Zum Autor

Christoph Kuzmics beschäftigt sich mit der Theorie des strategischen Denkens. Er ist seit 2015 Professor für Mikroökonomik, Universität Graz, davor war er an der Universität Bielefeld. Von 2003 bis 2011 war Kuzmics Assistenzprofessor an der Kellogg School of Management, Northwestern University.

Christoph Kuzmics
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