Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Leserbriefe: Zu viel Toleranz für Intoleranz?

Der Gastkommentar von Ulrich Brunner „Alles nur Faschisten? Über das Ende des Traums von Multikulti“ („Presse“ vom 12. 10.) hat eine Flut von Reaktionen provoziert. Hier eine Auswahl aus der Leserpost.

Volksmeinung muss Politikern bekannt sein

Zur Klarstellung: Ich bin kein FPÖ-Sympathisant, sondern ein traditioneller Wähler einer Großpartei, der jedoch aus zunehmender Politikerverdrossenheit auf dem Weg zum Nichtwähler ist.

Der Abdruck des Gastkommentars von Ulrich Brunner ist deshalb zu begrüßen, weil er der weit verbreiteten, erlebten und gefühlten Volksmeinung Ausdruck verleiht. Da unseren regierenden Politikern diese Volksmeinung bekannt sein muss, nehmen sie wissentlich in Kauf, von den Wählern abgestraft zu werden. Ich frage mich nur: warum?

Paul Höfler, 2551 Enzesfeld

***

Wenn sich eine liberale Linie ad absurdum führt

Der „Presse“ erscheint die Veröffentlichung solcher Beiträge offenbar im Sinne einer liberalen Linie. Diese Position gilt es meiner Meinung nach zu überdenken. Es war Friedrich August von Hayek, der in der „Constitution of Liberty“ seine Ablehnung von kommunistischem Gedankengut mit folgendem Zitat unterstrich: „Tolerance should not include the advocacy of intolerance.“ Die „Presse“ berief sich wiederholt auf diesen Grundsatz.

Soll der Intoleranz gegenüber Mitmenschen mit Migrationshintergund, denen generalisierend die Verschlechterung unserer Lebensqualität und mittelalterliche Wertvorstellungen adjustiert werden, nun „tolerant“ ein Sprachrohr geboten werden?

Der Artikel von Ulrich Brunner birgt in seiner Grundaussage wohl einen wichtigen Kern. Bei der Diskussion von Problemen, die man am eigenen Leib nicht zu spüren bekommt, ist auch meiner Ansicht nach Vorsicht geboten. Auch mir liegt es fern, 27 Prozent der Wiener als „faschistoid“ zu kategorisieren.

Die von Brunner angesprochenen Probleme haben offenbar Dimensionen angenommen, die einzugestehen vielen äußerst unangenehm ist. Es war John Stuart Mill, der ausführte, dass die Konfrontation mit einer abweichenden oder entgegengesetzten Meinung ausschließlich positive Auswirkungen auf die etablierte Position haben kann. Entweder wird die angegriffene Meinung durch eine erfolgreiche Verteidigung und die damit einhergehende vertiefende Beschäftigung gestärkt, oder sie wird durch eine plausiblere Annahme ersetzt.

Über eine Form wie jene dieses Gastkommentars kann jedoch keine fruchtbare Diskussion entstehen. Wenn zur Festigung der eigenen Meinung keine Reflexion mehr benötigt wird, da im Rezipierten bloß mit plumpen Rassismen und Pauschalisierungen gespielt wird, führt sich eine liberale Linie selbst ad absurdum. Simpel gestrickte Demagogie macht es allen Seiten schlichtweg zu einfach, sich durch oberflächliche Ablehnung hinreichend bestätigt zu fühlen. Sie bremst somit die Weiterentwicklung des Diskurses und steht daher in direktem Widerspruch zum Fortschrittsgedanken des liberalen Programms.

Ich verbleibe mit einem Ruf zu journalistischer Verantwortlichkeit und der Bitte, auch im Kommentarteil einen Qualitätsstandard hochzuhalten, der den Grundsätzen einer rechtsliberalen Blattlinie gerecht wird.

Sona Rumler, 1210 Wien

***

Kein Blabla, sondern „Aussprechen, was ist“

Zum Gastkommentar von Ulrich Brunner, mit dessen Meinung ich konform gehe, ist nicht nur dem Autor, sondern auch Ihrem geschätzten Blatt zu gratulieren. Als bürgerlich-liberale Zeitung scheut sich „Die Presse“ nicht, dem alten sozialdemokratischen Motto „Aussprechen, was ist“ zum Durchbruch zu verhelfen. Damit hebt sie sich recht angenehm vom allzu zeitgeistigen Blabla der Mitbewerber ab.

Erich-Körner Lakatos, 1030 Wien

***

Hoffen, dass Parteien endlich wach werden

Viel treffender und dennoch mit Feingefühl hat diese sehr komplexe und schwierige Thematik meiner Meinung nach noch kein Journalist auf den Punkt gebracht. Ich selbst wohne im 20. Bezirk und kann das von Ihnen geschilderte negative Verhalten vieler türkischstämmiger Bewohner nur bestätigen. Auch die von ihnen angedachten Maßnahmen zur Verbesserung der Gesamtsituation teile ich voll und ganz. Bleibt mir und wahrscheinlich vielen Wienerinnen und Wienern nur die Hoffnung, dass die regierenden Parteien endlich wach werden und die anstehenden Probleme offen ansprechen und entsprechende Lösungen finden und diese auch umsetzen.

Erwin Haider, 1200 Wien

***

Verachtung fördert keine Integration

Ich bin einer der Serben, die vor 20 Jahren nach Österreich gekommen sind und über die Herr Brunner so herablassend geschrieben hat. Ich selbst bin mit 16 Jahren ohne abgeschlossene Ausbildung und ohne Deutschkenntnisse nach Österreich gekommen.

Zwei Jahre später habe ich mit gutem Erfolg maturiert und anschließend in nur fünf Jahre mein Medizinstudium an der Uni Wien absolviert. Jetzt bin ich selbstständig, wohne in Hietzing, zwei Drittel meiner Angestellten sind Österreicher. Die Steuern und Sozialabgaben, die ich für mich und meine Angestellten jährlich entrichte, belaufen sich auf einen sechsstelligen Eurobetrag. Meine Kinder sind wohlerzogen und sprechen Hochdeutsch. Ich sehe mich daher als gut integrierten Immigranten, mit höherer Bildung und mehr Erfolg als ein Durchschnittsösterreicher.

Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass ich besser gebildet und erfolgreicher bin und in einem nobleren Bezirk wohne als Herr Brunner. Ob ich in den Augen der meisten FPÖ-Wähler dadurch an Sympathie gewinne, wage ich zu bezweifeln.

Wenn Herr Brunner den Einwanderern in seiner Nachbarschaft so wenig Respekt und soviel Verachtung und Vorurteile entgegenbringen, wie aus dem Artikel hervorgeht, dann sind Konflikte vorprogrammiert. Die Immigranten als Menschen zweiter Klasse zu behandeln, ist der Integration nicht förderlich.

N. N., Name und Anschrift der

Redaktion bekannt.

***

Problemerkennung ist nicht ausländerfeindlich

Endlich einmal wird klipp und klar gesagt, was alle ohnehin wissen oder zumindest vermuten. Nur die Politiker und viele Journalisten nicht. Entweder sind diese so dumm, oder sie stellen sich so. Herr Brunner hat die Probleme jedenfalls erkannt und für jeden verständlich in Worte gefasst. Und die Feststellung des Tatbestandes heißt noch lange nicht, dass man ausländerfeindlich gestimmt ist.

Manfred Palmberger, 3730 Eggenburg

Der Autor des Anstoßes

Ulrich Brunner (*12. 7. 1938 in Wien) begann seine Journalisten-
karriere bei der „Arbeiterzeitung“; 1975 wechselte er zum ORF, wo er es zum Hörfunk-Chefredakteur und Intendanten des Landesstudios Burgenland brachte. Sein Text „Alles nur Faschisten?“, den die „Presse“ am Dienstag veröffentlichte, ist ein Erfahrungsbericht über das Zusammenleben mit Migranten in seinem Heimatbezirk Favoriten. Die Reaktionen darauf schwankten zwischen euphorischer Zustimmung und erzürnter Widerrede. Auf DiePresse.com verzeichnete er bis Freitag über 14.000 Zugriffe. [Archiv]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2010)