Warum zum Teufel hat Karl der Große 782 die „Capitulatio de partibus Saxoniae“ eingeführt? War er ein militanter Vegetarier?
Am Freitag war Geschichte-Test angesagt. Ziemlich viele wilde Jahrhunderte auf einigen bunt bebilderten Seiten, Merowinger, Karolinger, Babenberger und die Burg an sich. Das ist durchaus interessanter Lesestoff, kindgerecht aufbereitet – ich muss einmal für das gute alte Gymnasium von heute eine Lanze brechen. Als verantwortungsvoller Vater vertieft man sich also im Mittelalter und täuscht vor, zu wissen, welcher Leopold heilig oder Niederösterreicher, welcher Heinrich Kaiser, Herzog oder bloß Papst-Kritiker war und wie viel König Löwenherz der Abstecher in die Wachau gekostet hat. Mindestens Wiener Neustadt, lerne ich, und eine neue Stadtmauer für Wien.
Dann aber trifft mich eine Frage völlig unvorbereitet. Was war das Sachsen-Gesetz? Hat man die Ahnen der Dresdener vielleicht zu einem Kurs „Deutsch für Ausländer“ verpflichtet? Genutzt hat das wenig, denke ich, denn Leipziger Laute klingen für meine Ohren wie latenter Widerstand gegen Integration. „Ridderlich“ auf Sächsisch grenzt an Insubordination. Nein, das Sachsen-Gesetz hat Karl der Große erlassen, erfahre ich, weil diese dunkle Gefahr aus dem Osten die Leitkultur ablehnte.
Europa stand damals in christlicher oder islamischer Tradition, nur im Norden und Osten tobte noch verwerfliches Heidentum. Spaniens Mauren führten nicht bloß Heiligen Krieg (den die Christen als Kreuzzug kopierten). Sie trugen auch schwierige Fächer wie Algebra, Chemie und altgriechische Spinnereien zum Fortschritt bei, die Franken hingegen Dreifelderwirtschaft, Kebsweiber, das Turnierwesen und den Mallorca-Tourismus. Die Sachsen aber verschlossen sich dem Strukturwandel der damaligen Öffentlichkeit und wollten weiterhin an strengen Fasttagen Fleisch essen und sogar um Bäume herumtanzen.
Sondergesetz. Mit denen war wirklich kein Reich zu machen. Dem großen Karl schienen sie nicht geheuer. Es gab Handlungsbedarf. Die Abschiebepraxis war damals noch nicht erfunden, also musste der Franken-Boss ein bisschen streng sein mit den intelligenzmäßig genetisch benachteiligten Sachsen, mochten sie die christlichen Behörden auch noch so traurig aus ihren Rehäuglein anblicken. Karl ließ das Sondergesetz „Capitulatio de partibus Saxoniae“ schreiben. Dieses obstinate Volk wurde auf das für Christen erträgliche Maß zurechtgestutzt, in ziemlich heftigen Eisengewittern.
Das klingt jetzt leider so, als ob ich das frühe und sogar noch das hohe Mittelalter aus falsch verstandener Aufklärung runtermachen wolle, nach dem Motto „Das Frankenreich schafft sich ab, und auch die Babenberger waren ein Irrtum der Natur“. Aber nein, selbst in den dunklen Jahrhunderten vor dem Millennium, die eher von Rezession geplagt waren, gab es für die Wirtschaft erfreuliche Entwicklungen.
Die Wikinger zum Beispiel erwiesen sich als Entrepreneure, wie sie auch heute angeblich nötig sind; sie waren die ersten wirklich neoliberalen Transatlantiker. Zugegeben, mit Sonntagsreden deutscher Präsidenten hatten sie nichts am Helm, aber sie bauten die steilsten Boote, erfanden das Warentermingeschäft und die feindliche Übernahme, ohne die das moderne Wirtschaftsleben gar nicht denkbar wäre. Im Kern ist für Europa nämlich das Wikinger-Wesen die Leitkultur geblieben, trotz der Multi-Kulti-Tänze von Kaisern, Kalifen und Päpsten.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.10.2010)