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Afrika

Tschadischer Ex-Diktator Habré an Covid gestorben

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Hissène Habré 2015 in DakarAPA/AFP/SEYLLOU
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Habré hatte in den 1980er-Jahren regiert und focht erfolgreich Kriege mit Libyen aus, wobei ihm der Westen half. Sein Regime war extrem brutal. Er floh 1990 in den Senegal, wo er 2016 zu lebenslanger Haft wegen Menschenrechtsverletzungen verurteilt wurde.

Der frühere Staatschef im nordafrikanischen Tschad, Hissène Habré, ist am Dienstag im Alter von 79 Jahren im Senegal gestorben. Er hatte sich Angaben des senegalesischen Justizministers zufolge Covid-19 in einer Klinik in Dakar eingefangen, wo er vor rund zehn Tagen aus nicht näher genannten medizinischen Gründen eingeliefert worden war. Als sich seine Situation verschlechterte, sei er in ein anderes Krankenhaus gebracht worden, wo man ihn aber nicht retten konnte.

Habré war im Senegal wegen schwerer Menschenrechtsverletzungen in seiner Heimat, begangen während seiner Regentschaft von 1982 bis 1990, 2016 bzw. 2017 rechtskräftig zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Es handelte sich um ein richtungsweisendes Urteil; der Prozess im Senegal, wohin Habré Anfang der 1990er geflohen war, war auf Druck der UNO und der Afrikanischen Union zustandegekommen, das ganze Hin und Her hatte aber auch ein Jahrzehnt gedauert.

Hissène Habré (1942 in der Oasenstadt Faya-Largeau im Norden des Tschad) arbeitete zunächst in der französischen Kolonialverwaltung, studierte dank eines Stipendiums Politikwissenschaft in Paris und kehrte Anfang der 1970er in den Tschad (unabhängig seit 1960) zurück. Er schloss sich dort der später aufgelösten Rebellenarmee „Forces Armées Nationales du Tchad (FAN)" an, die gegen die Regierung des von Libyen gestützten Präsidenten François Ngarta Tombalbaye kämpfte. Dabei war er unter anderem 1974 an der Entführung zweier Franzosen und eines Deutschen im Tibesti-Gebiet beteiligt, und Geld und Waffen zu erpressen.

Gaddafis Expansion nach Süden

Wenig später, im Sommer 1975, besetzten libysche Truppen größere Teile des Landes, um zur Unterstützung der tschadischen Regierung gegen die Kämpfer des mittlerweile zum Rebellenführer aufgestiegenen Habré vorzugehen; zuvor hatte das Gaddafi-Regime bereits 1973 den Aouzou-Streifen, eine schmale Region im Nordtschad, okkupiert und sogar annektiert. In diesem Konflikt stand Libyen sogleich Frankreich, den USA und dem Westen generell gegenüber, weil man dort eine regionale Vormachtstellung Libyens unter Revolutionsführer Gaddafi, der sich seinerseits an den kommunistischen Ostblock anlehnte, verhindern wollte, und daher den Tschad unterstützte.

Dort war unterdessen Präsident Tombalbaye im Frühjahr 1975, noch vor der libyschen Intervention, von unzufriedenen Soldaten ermordet worden, sein Nachfolger wurde der Offizier Félix Malloum. Er leitete eine Aussöhnung mit den Rebellen ein und machte Habré 1978 zum Premierminister. Allerdings musste die Regierung schon im Folgejahr nach einem neuen Bürgerkrieg gegen Kräfte der Rebellenmiliz Frolinat weichen, deren Führer, Goukouni Oueddei, an die Macht kam, Habré aber erneut einband: diesmal als Verteidigungsminister.

Die Wirren gingen allerdings bald wieder los, die gemeinsame Regierung war zerrüttet. Ouddei-treue Streitkräfte und Milizen schlugen Rebellenfraktionen und Ende 1980 rückten die Libyer erneut in die Nordhälfte des Tschad ein, worauf Ouddei (*1944) 1981 sogar die Vereinigung seines Landes mit Libyen ausrief. Rebellenkräfte Habrés konnten aber die weit besser ausgerüsteten Libyer bis November 1981 großteils wieder aus dem Land vertreiben. Im Juni 1982 setzte Habré Oueddei ab, machte sich zum Präsidenten und schaffte das Amt des Premierministers ab. Oueddei floh in den weiterhin libysch besetzten Nordtschad.

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Habré anno 1983APA/AFP/JOEL ROBINE

Der Krieg zwischen dem „offiziellen" Tschad und den Libyern bzw. abtrünnigen Tschadern im Norden eskalierte nach 1983 erneut, nachdem Libyen wieder die Kontrolle über einige weitere tschadische Landstriche errungen hatte. Frankreich und die USA intensivierten ihre Kooperation mit Habré in N'Djamena und bildeten sogar übergelaufene libysche Soldaten zur Unterstützung der Tschader und für mögliche Sabotageabktionen in Libyen aus. Einige Zeit blieb es aber relativ ruhig und beide Seiten konsolidierten ihre Positionen.

Der „Toyota-Krieg"

1986 wurden die Gefechte wieder härter, wobei die Libyer die Unterstützung tschadischer Verbündeter verloren und die tschadische Armee eine neue Taktik umsetzte, die schließlich zum „Toyota-Krieg" (Jänner bis September 1987) führte. Auf der einen Seite standen einige isolierte libysche Garnisonen im Norden des Landes, durchaus mit Panzern, Artillerie und Kampfflugzeugen, auf der anderen Seite benutzten die Habré-Truppen Hunderte japanische Pick-ups (etwa Toyota Hilux), mit denen sie schnell und beweglich waren und von dort aus weitreichende Panzerabwehrraketen, Granatwerfer und Schnellfeuerkanonen einsetzten.

Tschader 2008 auf einem Toyota LandcruiserTschechische Armee/Eufor

Die Stellungen der ohnehin demotivierten Libyer fielen rasch, ihre Verluste waren hoch, am Ende standen die Tschader sogar im Süden Libyens, zerstörten eine libysche Luftwaffenbasis und wurden durch das nicht zuletzt von Frankreich erzwungene Einlenken Gaddafis gestoppt, der Mitte September 1987 einem Waffenstillstand zustimmte. Der Krieg endete formell 1988 und Gaddafi erkannte Habré als Präsidenten des Tschad ausdrücklich an.

Die Taktik der Tschader mit ihren Pick-ups wurde seither vielfach in Kampfgebieten Afrikas und des Nahen und Mittleren Ostens angewandt.

Zehntausende Opfer

Die Amtsführung Habrés war indes im Lauf der Jahre immer brutaler geworden. Gegner wurden gefoltert und umgebracht, einige ethnische Gruppen gezielt verfolgt, durchaus im Rahmen von Genoziden. Es gab unzählige Vergewaltigungen. Habré werden wohl mindestens 40.000 politische Morde zurechenbar sein.

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Habré 1989 bei Francois Mitterand in Paris.APA/AFP/PATRICK HERTZOG

Im Dezember 1990 wurde er schließlich von (damals) prolibyschen Rebellen des Idriss Déby, die aus dem Sudan angriffen, gestürzt. Déby war ein Offizier, in Frankreich zum Militärpiloten ausgebildet. Er regierte bis heuer im April, als er an Verletzungen starb, die er bei einem Überfall von Aufständischen während eines Frontbesuchs im Norden des Tschads erlitten hatte.

Habré indes fand Asyl im Senegal; Versuche, die tschadische Hauptstadt N'Djamena durch Infiltration aus dem südlichen Nachbarland Kamerun heraus zu erobert, scheiterten.

Belgischer Haftbefehl 2005

2005 stellte Belgien wegen Menschenrechtsverletzungen einen Haftbefehl gegen Habré im Sinne des Weltrechtsprinzipes aus. Dakar lehnte die Auslieferung zunächst ab, Habré kam aber zeitweise in Haft. Die senegalesische Regierung versuchte, die Sache dem damaligen Chef der Afrikanischen Union (AU), Nigerias Präsident Olusegun Obasanjo, zur Entscheidung zuzuschieben. Nachdem UNO und EU Druck auf Dakar und die AU ausgeübt hatte, entschieden die Staatschefs der AU 2006, dass der Senegal doch zur Prozessführung zuständig sei.

FILE PHOTO: Former Chad President Habre makes declarations to media as he leaves a court in Dakar, Senegal
Habré 2005 in Dakar, Senegal.REUTERS

Es dauerte aber wie gesagt noch lange. Im Tschad wurde Habré, mittlerweile wieder auf freiem Fuße, 2008 in Abwesenheit zum Tod verurteilt. 2012 lehnte ein Gericht in Dakar seine Auslieferung an Belgien ab, 2013 wurde aber der Prozess gegen ihn vor einem Sondertribunal wegen Kriegsverbrechen, Folter und Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingeleitet - die konkrete Verhandlung startete aber wiederum erst viel später, Mitte 2015. 2016 wurde Hissène Habré letztlich zu lebenslänglicher Haft verurteilt, das Urteil 2017 bestätigt.

"Habré wird in die Geschichte als einer der erbarmungslosesten Diktatoren eingehen", sagt Reed Brody von der Internationalen Juristenkommission, der seit 1999 mit Habré-Opfern zu tun gehabt hat. "Er hat seine eigenen Leute niedergemetzelt, ließ Dörfer abbrennen, sandte Frauen als Sexsklavinnen zu seinen Soldaten und ließ Gegner mit mittelalterlichen Methoden foltern."