Im Kino

Iran aus der Henker-Perspektive

There is no evil
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Der Episodenfilm „There Is No Evil“, der 2020 bei der Berlinale gewann, wirft Blicke auf die Rädchen im Getriebe der Todesstrafe.

Das Rädchen im Getriebe: Deine Frau sucht nach einem Hochzeitsgeschenk, die Tochter beschwert sich, dass du sie zu spät aus der Schule abholst, Nachbarskinder fordern dich auf, eine Straßenkatze zu retten, deine alte Mutter hat Bluthochdruck. Ständig will jemand etwas von dir, und der Teppich will auch noch gestaubsaugt werden. Und warum das alles? Nur damit alles seinen gewohnten Gang geht, in der Familie, deren dauerbeschäftigtes Oberhaupt du bist, und in deinem Vaterland, dem du dienst – als Henker, der mit einem einzigen Knopfdruck gleich mehrere Verurteilte vom Leben in den Tod befördert.

Das ist die schockierende Schlusspointe des ersten Abschnitts von Mohammad Rasoulofs Episodenfilm und letztjährigem Berlinalegewinner „There Is No Evil“. Eine Miniatur über die Banalität des Bösen, könnte man meinen, aber die folgenden drei Kapitel machen deutlich, dass die Kritik des iranischen Regisseurs weniger auf das Individuum zielt als auf die Gesellschaft. Weniger auf das Rädchen als auf das Getriebe. In allen Episoden geht es darum, dass ein Mensch in staatlichem Auftrag andere umbringen soll. Und was das mit ihm anstellt.

Was die einzelnen Episoden zusammenhält, ist nicht nur die Todesstrafe. Rasoulofs Film ist gleichzeitig konkreter und allgemeiner als das. Konkreter, weil er seine Perspektive auf die des Henkers verengt; im Iran sind das oftmals junge Männer, die ihre mörderische Pflicht als Teil des Wehrdienstes abzuleisten haben. Allgemeiner, weil in dieser perspektivischen Verdichtung Mechanismen gesellschaftlicher Gewalt aufscheinen, die die (nicht nur iranische) Gesellschaft in ihrer Gesamtheit betreffen. Wo die erste Episode danach fragt, wie es sich anfühlt, ein Rädchen im Getriebe zu sein, entwerfen die folgenden drei Variationen desselben Problems. Etwa: Ist es einem Rädchen möglich, von einem Tag auf den anderen aus dem Getriebe auszusteigen?

Ein brav mordender Familienvater

In Rasoulofs nüchterner, die Szenen oft geduldig in Echtzeit ausspielender Inszenierung eröffnet sich ein Bewusstsein für alternative Lebensläufe selbst unter den Bedingungen eines totalitär organisierten Staates. Hätte aus der Hauptfigur der ersten Episode, dem brav mordenden Familienvater Heshmat, ein ganz anderer Mensch werden können, wenn er irgendwann in seinem Leben, eine andere Entscheidung gefällt hätte? Aber auch: Was wird die Courage, die der junge Rekrut Pouya in der zweiten Episode beweist, ihn in seinem späteren Leben kosten?

Rasoulof spielt geschickt mit unterschiedlichen Stimmungen – die komplett nachts spielende zweite Episode, die atemlose Spannung unvermittelt in romantisches Revolutionspathos kippen lässt, ist ein Meisterstück in Sachen Affektmanipulation. Dennoch wirkt der Film wie ein geschlossenes System. Nicht nur sind die Episoden perfekt aufeinander abgestimmt, auch innerhalb jeder einzelnen ist alles dem Diktat einer Dramaturgie unterstellt, die den Figuren kaum eine Existenz außerhalb ihrer eng umgrenzten Drehbuchfunktion zugesteht.

Man könnte sagen: In gewisser Weise ist „There Is No Evil“ selbst etwas zu sehr Getriebe. Das mindert nicht den politischen Mut des Regisseurs, aber es lässt Sehnsucht wach werden nach einem Kino, das sich weniger für den Mechanismus des Getriebes interessiert als für den Sand, der seinem reibungslosen Funktionieren hoffentlich auch im Iran gelegentlich in die Quere kommt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2021)

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