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Junge Forschung

Schöne Ausreden für Klimasünden

„Die Szene der tatsächlichen Leugner des Klimawandels ist zumindest in Österreich eher klein“, sagt Thomas Brudermann, der dieser Tage in Alpbach weilte
„Die Szene der tatsächlichen Leugner des Klimawandels ist zumindest in Österreich eher klein“, sagt Thomas Brudermann, der dieser Tage in Alpbach weilteLuiza Puiu
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Er spioniert von Berufs wegen in sozialen Netzwerken: Psychologe Thomas Brudermannbeschreitet ungewöhnliche Wege, um Nachhaltigkeit und Klimaschutz zu erforschen.

Ich fahre so oft mit dem Rad und schone dabei die Umwelt, da kann ich doch wohl einmal mit dem Flugzeug in den Urlaub!“ – Solche Aussagen bekommt Thomas Brudermann oft zu hören. Der Wirtschaftspsychologe und Informatiker, der seine Ausbildungen an der Universität Klagenfurt mit Auszeichnung abgeschlossen hat, ist nach Forschungstätigkeiten in Wien, Thailand und Japan nunmehr Privatdozent am Institut für Systemwissenschaften, Innovations- und Nachhaltigkeitsforschung der Universität Graz.

Dort geht er unter anderem der Frage nach, warum es so schwer gelingt, gemeinsam gegen den Klimawandel vorzugehen. „Neben strukturellen Hindernissen wie zum Beispiel mangelnden umweltfreundlichen Angeboten gibt es auch psychologische Hürden“, sagt der 40-Jährige. „Jeder Einzelne könnte ja viel mehr tun. Aber oft spielen uns unbewusste Strategien einen Streich, mit denen wir wenig nachhaltiges Verhalten schönreden und vor uns selbst rechtfertigen.“

Mit Stoffsackerl und SUV

Das eingangs zitierte Argument führt Brudermann als Beispiel für die Strategie des „Moral Licensing“ an: Klimasünden werden gerechtfertigt, indem man auf andere, klimafreundliche Handlungen verweist. Eine andere Taktik ist der „Single Action Bias“: Um etwas Nachhaltiges zu tun, werden gleichzeitig begangene Umweltsünden einfach nicht beachtet. „Dieser Effekt liegt vor, wenn jemand zum Beispiel beim Einkauf auf Plastikverpackungen verzichtet, aber mit dem SUV zum Geschäft fährt.“ Zudem werde nicht nachhaltiges Verhalten oft damit entschuldigt, dass der mögliche eigene Beitrag zum Klimaschutz als unbedeutend erachtet wird.

Dabei sei den meisten Menschen die Klimaproblematik durchaus bewusst, weiß Brudermann aus empirischen Erhebungen – auch wenn es im Detail Unklarheiten über Ursachen und Wirkungen gebe. „Die Szene der tatsächlichen Leugner des Klimawandels ist zumindest in Österreich und Deutschland eher klein“, stellt der Experte fest, „obwohl sie in den sozialen Netzwerken sehr präsent ist“. Gemeinsam mit Studierenden hat Brudermann die Diskurse in Klimawandel-skeptischen Facebook-Gruppen analysiert. „In Zweifel gezogen wird die Notwendigkeit der Energiewende vor allem von persönlich Betroffenen, beispielsweise von Arbeitern in der Kohleindustrie, die den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen nicht nur als Bedrohung ihres wirtschaftlichen Auslangens erleben, sondern auch als Angriff auf ihre Identität und auf ihr Selbstwertgefühl“, fasst Brudermann zusammen.

Die Frage sei, wie es gelingt, auch diese Menschen bei ambitionierten Klimaschutzmaßnahmen mitzunehmen. Denn widersprechende Meinungen werden kaum akzeptiert: „Wenn Fakten auftauchen, die dem eigenen Weltbild widersprechen, werden eher diese Fakten umgedeutet, als dass man sein Weltbild ändert.“

Brudermann versteht sich aufgrund seiner vielseitigen Ausbildung als „Forscher an der interdisziplinären Schnittstelle, der sich nicht immer innerhalb traditioneller Abgrenzungen bewegt“. Der Themenkreis Nachhaltigkeit und Klima bleibt dabei aber stets im Fokus. So brachte er dieser Tage beim Forum Alpbach seine Perspektive in ein Expertengespräch zur Einbindung von Plastik in die Kreislaufwirtschaft ein.

Wenn er nicht gerade forscht oder Vorträge hält, verbringt Brudermann seine Zeit gern im heimatlichen Kärnten. Dort ist er Mannschaftsführer eines Tennisteams, spielt auch Meisterschaft („Aber nur in der dritten Klasse!“) und gibt in der Vereinshütte gern den Wirt. Wenn er hinter dem Herd steht, wissen seine Kumpel: Vegetarische Kost ist angesagt. Zurück an seinem Arbeitsplatz wird Brudermann mitunter zum Quizmaster. „Ist Wasserdampf ein Treibhausgas?“, fragte er kürzlich für eine Studie einige Hundert Österreicherinnen und Österreicher. „Sicher nicht“, war die Mehrheit überzeugt. „Auch mangelndes Wissen ist für Fehlentscheidungen in Bezug auf Klimaschutzmaßnahmen verantwortlich“, sagt der Forscher. Zumindest bei dieser Quizfrage lag die Mehrheit jedenfalls falsch.

Zur Person

Thomas Brudermann (40) ist Dozent an der Grazer Universität und befasst sich aus psychologischer Sicht mit Nachhaltigkeit und Umwelt. Insbesondere erforscht er die Grundlagen für persönliche Entscheidungen, die klimarelevante Verhaltensweisen betreffen. Der gebürtige Kärntner war zuvor an der Universität Klagenfurt sowie an der Wirtschaftsuniversität Wien tätig.

Alle Beiträge unter:diepresse.com/jungeforschung

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2021)