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Mein Samstag

Ode an das Fensterbrett

Imago
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Manche Dinge sind mehr wert, als es im ersten Moment erscheint.

Man gewöhnt sich ja sehr schnell an sehr vieles. Dann stellen sich neue Routinen ein, und plötzlich kann man sich nicht mehr vorstellen, dass es jemals wieder anders sein wird. Auch beim Home-Office war es so. Die ersten Tage, damals in diesem denkwürdigen März, waren seltsam. Aber auch irgendwie aufregend, ungewohnt, herausfordernd in jedem Fall. Schon sehr rasch kam dann die Routine. Dass diese halbwegs erträglich blieb, habe ich auch einem Gegenstand zu verdanken: meinem Fensterbrett.

Es fing in der selbst auferlegten (ohne Tests machte damals ja jedes Niesen Angst) Quarantäne an: Man durfte nicht wirklich hinaus, und das Einzige, was blieb, um ein bisschen Außenwelt zu schnuppern, waren diese knapp 30 Zentimeter weiß lackiertes Holz. Gerade genug Platz, um sich hinzusetzen und ein paar wertvolle Sonnenstrahlen aufs Gesicht scheinen zu lassen. Genug Platz, um in den Himmel schauen zu können und sich ein bisschen freier zu fühlen.

Auch in den Wochen und Monaten danach machte dieser Platz die nun schon etwas erdrückende Eintönigkeit der eigenen vier Wände erträglicher. Egal wie stressig der Tag war, egal wie viele Meldungen über Neuinfektionen und Todeszahlen man noch schreiben musste, zumindest diese zehn Minuten nach dem Mittagessen gehörten nur einem selbst, einem Kaffee und dem Fensterbrett. Bald gesellten sich zwei Polster dazu, und irgendwann war der Platz dann auch beim Sonntagsfrühstück oder zum Buchlesen besetzt.

Nun wird das Home-Office immer weniger, aber nicht nur deshalb ist die Zeit des Fensterbretts bald abgelaufen. In Kürze kommt ein Balkon an seine Stelle. Noch mehr Platz für frische Luft, für das Frühstück, für Sonnenstrahlen. Man wird sich wohl sehr schnell daran gewöhnen – und das Fensterbrett vergessen. Schön war es trotzdem.

E-Mails an: teresa.wirth@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2021)