Wunderbare Freundschaft?

Der deutsche Bundespräsident Christian Wulff ist ab Montag auf Staatsbesuch in der Türkei. Beginnt hier eine wunderbare Freundschaft?

Die Islam-Debatte wird am härtesten in München geführt.

So offen stellt das selten einer fest: Diesen Türken mangelt es wirklich an Integration. Sie sollen gefälligst Deutsch lernen, und zwar fließend, ohne Akzent. Damit müsse man bereits im Kindergarten beginnen. „Aber zur Wirklichkeit gehört auch, dass einige immer noch leben wie in den Tagen, als sie die Türkei verließen.“ Wer traut sich das zu sagen? Der blaue Herr Strache? Nein, diesen Vorwurf hat Staatspräsident Abdullah Gül erhoben, am Samstag in der „Süddeutschen Zeitung“, dem linksliberalen Feigenblatt Bayerns, unmittelbar vor dem Staatsbesuch des neuen deutschen Bundespräsidenten.

Man wird aus gutem Grund freundlich zu ihm sein. Christian Wulff, bis zur Präsidentenwahl Ende Juni eine Kanzler-Hoffnung der CDU, hatte in seiner Rede zum Tag der deutschen Einheit am 3. Oktober Aufsehen erregt: Der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland, so wie Christentum und Judentum. Das ist bei rund vier Millionen deutschen Moslems eine Binsenweisheit, aber in der Schwesterpartei CSU wurde dieser Satz nicht goutiert.


Seehofer für Beschränkung. Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer hält seither wacker dagegen. Er forderte in der Vorwoche im konservativen Münchner Magazin „Focus“ eine Beschränkung der Zuwanderung. Multikulti ist für ihn tot. „Es ist doch klar, dass sich Zuwanderer aus anderen Kulturkreisen wie aus der Türkei und arabischen Ländern insgesamt schwer tun.“ Jetzt legt der CSU-Vorsitzende laut Ankündigung des „Focus“ für seine Montagausgabe noch einmal nach. Der Zuzug Hochqualifizierter sei ausreichend, es dürfe keine Aufweichung „der restriktiven Regeln des geltenden Zuwanderungsgesetzes, keine Zuwanderung nach Kontingenten oder Punktesystem geben.“ Integrationsverweigerer sollten mit Bußgeld sanktioniert werden.

Das klingt nach Ausgrenzung und ist weniger elegant als die Kritik Güls an seinen Landsleuten. Das schönste Argument für Integration brachte der Präsident mit einer Bemerkung über den genialen Kicker Mesut Özil vor. Der wurde von türkischen Fans ausgepfiffen, als er vor einer Woche beim EM-Qualifikationsspiel für Deutschland und gegen das Team seiner Vorfahren spielte. Gül kritisierte die Pfiffe: „Und wenn Mesut Özil mich gefragt hätte, für wen er spielen solle, hätte ich ihn ermutigt, im deutschen Team zu spielen.“ Das hat gesessen. Özil spielt neuerdings bei Real Madrid, nicht in München. Warum sollte er auch zu einem Klub wie Bayern gehen, der irgendwo im Mittelfeld der Tabelle herumkickt. Die Bayern haben den Zuzug Hochqualifizierter auf ihre Art ausreichend geregelt.

norbert.mayer@diepresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2010)

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