Unsägliche Ära von Rauchverbot, Rasierzwang und glatter Freundlichkeit! In 29 kurzen Lehrstücken mokiert sich Adam Soboczynski über den Verlust unserer schlechten Eigenschaften.
Ausgerechnet der Hausmeister ist die Hauptperson der ersten Geschichte in Adam Soboczynskis neuem Buch. Der Hausmeister, der gerade in Wien in den letzten Wochen und Monaten zu einer fast mythischen Gestalt erhoben wurde: ein Alleskönner. Eine Ordnungsperson. Ein gutmütiger Streitschlichter. Und Reparatur-Tausendsassa. Bei Soboczynski ist das ganz anders: Der Hausmeister kann nichts. Er hat keine Lust zu arbeiten. Er ist griesgrämig. Doch gerade all das macht ihn für den Erzähler so sympathisch.
Vor allem nachträglich sympathisch: Eines Tages wird der Mann im blauen Overall nämlich durch einen sogenannten Facility-Manager ersetzt, eine Veränderung, die der Icherzähler mit großem Unbehagen registriert. Hinter der „monströsen Geschmacklosigkeit der neuen Berufsbezeichnung“ erkennt er gar einen „Gewaltakt“: „Namen, die geändert wurden, zeugen immer von furchtbaren Veränderungen.“
Zweifelhafter Fortschritt. Von den „furchtbaren“ Veränderungen unserer Gegenwart handelt „Glänzende Zeiten“. Es ist eine Rückschau auf eine Ära, die noch nicht so glänzend, hell und antibakteriell war. Ein Buch über den Verlust zweifelhafter zivilisatorischer Errungenschaften: Adam Soboczynski schreibt über die Abschaffung der Griesgrämigkeit (am Beispiel des genannten Hausmeisters), das Ende der rauchigen Gaststätten, das Verschwinden von Stolz und Gekränktheit, das Verschwinden der gedankenlosen Besäufnisse mit Freunden. Alles eben Dinge, die mittlerweile als lästig bis gefährlich für die lieben Mitmenschen gelten, als unproduktiv und unverantwortlich, gar als Risikofaktor für die Sozialversicherung.
Soboczynski, der im polnischen Toruń geboren wurde und als Kind mit seiner Familie nach Deutschland kam, reflektiert in 29 kurzen Kapiteln über die neue Ära. Er erzählt von sich und seinem Bekanntenkreis. Gemein ist den Geschichten die Erfahrung des Verlustes. Doch nicht schweren Herzens, sondern mit einer Soboczynski eigenen feinen Ironie berührt er diese Themen.
„Fast ein Roman“ führt das Buch des „Zeit“-Feuilletonredakteurs im Untertitel. Irreführend ist das. Denn aus den kurzen Szenen, mit gewichtigen Begriffen wie „Freundlichkeit“, „Disziplin“, „Glätte“ oder „Flanieren“ betitelt, bildet sich keine Romanhandlung, selbst der Begriff Erzählung scheint das Genre nicht zu treffen. Eher schon bietet der Autor einen Reigen an Lehrstücken, die zusammengenommen so etwas wie ein Panorama der heutigen Sitten und Verhaltensweisen ergeben. Soboczynski ist ein Feuilleton-Anthropologe, er schreibt eine Kulturkunde der Gegenwart.
Formal erinnert „Glänzende Zeiten“ auch an sein letztes Buch, „Die schonende Abwehr verliebter Frauen“. Schon in diesem gab der Autor seinen Lesern Ratschläge, wie der kultivierte Mensch delikate emotionale Situationen vermeiden könnte.
Im Nachwort des aktuellen Buches dankt der Autor jenen Autoren, deren Werke ihn beeinflusst haben. Es nimmt nicht wunder, dass sich darunter Namen wie Michel Foucault oder Theodor W. Adorno finden. Nicht, dass Soboczynskis Stil die akademische Komplexität oder Gedankenschwere anhaften würde. Jedoch, die Problematiken, die er anspricht, haben auch die großen Gesellschaftskritiker schon bewegt: Was ist der Preis des Fortschritts? Was, wenn sich eine Gesellschaft aus freiem Willen Kontrollmechanismen unterwirft? Hinter Soboczynskis witzigen Alltagsgeschichten verbergen sich die großen Fragen.
Keine Nostalgie. Und was die Abschaffung der Hausmeister betrifft: Soboczynski ist kein Autor, der mit Wehmut schildert, nostalgisch verklärt oder behaupten würde, dass es damals, als es noch die Hausmeister gab, besser war. Das Weinerliche sucht man bei ihm vergebens.
Einmal trifft der Icherzähler den Hausmeister im Flur. „Keineswegs gramgebeugt“, notiert der Beobachter überrascht, sei der Ex-Hausmeister da gewesen – vielmehr „mit dem für seinen Berufsstand üblichen unverschämten Gesichtsausdruck“.
Adam Soboczynski, „Glänzende Zeiten“, Aufbau Verlag, 202 Seiten, 17,50 Euro.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.10.2010)