„ZeitMagazin“: 40. Geburtstag der „emotionalen Seiten“

Giovanni di Lorenzo
Giovanni di Lorenzo(c) AP (Kai-uwe Knoth)
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Das „ZeitMagazin“ begeht in der aktuellen Ausgabe ein Jubiläum. Das Konkurrenzprodukt der „Süddeutschen Zeitung“ wurde bereits im Frühling 20.

Als Hellmuth Karasek im Jahr 1970 gefragt wurde, ob er vom Feuilleton der „Zeit“ in das neue Magazin wechseln wolle, antwortete er darauf: „Keinesfalls“. Dem Literaturkritiker und ehemaligen Mitglied des „Literarischen Quartetts“ sei dieser Wechsel damals wie ein „Abstieg in die bunten Zonen“ erschienen. Dennoch, Karasek hat dann am Aufbau des „ZeitMagazin“ mitgewirkt; jenem Heft, das der Wochenzeitung seit 2007, nach einer Pause von acht Jahren, wieder beiliegt und das Karasek heute „zunächst einmal eine Auffangstelle für Farbanzeigen“ nennt. Damals begannen Illustrierte und Magazine wie der „Spiegel“ bunte Anzeigen abzudrucken, in der herkömmlichen Zeitung war das rein technisch nicht möglich.

Die „Zeit“ war Vorreiter auf diesem Magazinsektor. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ zog 1980 nach, die „Süddeutsche“ ein weiteres Jahrzehnt später. Das „FAZ-Magazin“ gibt es nicht mehr, das „Süddeutsche Zeitung Magazin“ wurde im Frühjahr zwanzig und die „Zeit“ begeht in ihrer aktuellen Ausgabe das 40. Jubiläum ihrer „emotionalen Seiten“, wie der Chefredakteur Christoph Amend das Heft im Gespräch mit der „Presse“ nennt. Mit einer Ausstellung in Hamburg, mit einem 320 Seiten dicken „Best of“-Buch, mit einer Party für die Redaktion am kommenden Dienstag und einer Jubiläumsausgabe für den treuen Leser, deren Cover Deutschlands bekanntestes Model, Claudia Schiffer ziert. Warum Schiffer? Weil sie so alt ist wie das Magazin und weil sie bereit war, sich für 40 verschiedene Titelseiten abzulichten, die in der Geburtstagsnummer abgedruckt sind. Die Redaktion, die nicht wie das Hauptblatt in Hamburg, sondern in Berlin residiert, aber eng mit der Hamburger Redaktion „verzahnt“ ist, so Amend, wollte klarmachen, dass das Magazin in den vergangenen vier Jahrzehnten so etwas wie „eine Chronik der Gefühle“ gewesen ist. Schiffer wurde in verschiedenen Outfits fotografiert, die für die vielen Lebensstile stehen, die das Magazin begleitet und mitgeprägt, hat: als Hippie, Popperin, Punk, New Wave- oder Rocker-Göre.

Am Cover der „Schocker von Wien“

Kritiker sehen und sahen in Publikationen wie dem „ZeitMagazin“ stets nur das Füllwerk für die farbigen Anzeigen, die viel Geld bringen. Diesen Vorwurf muss sich das Blatt bis heute gefallen lassen. Es bringt mehrmals im Jahr eigene Uhren- und Modehefte heraus, in dem sich Anzeigenkunden auch im redaktionellen Teil wiederfinden. Amend meint dazu: „Es gibt viele Leser, die sich wie wir für jene schönen Dinge des Lebens interessieren, denen wir manche Spezialhefte widmen. Wenn in diesen Ausgaben mehr Anzeigen geschaltet werden, freuen wir uns, denn sie finanzieren unser Magazin mit." Amend, der das Blatt seit der Wiedereinführung im Jahr 2007 leitet, glaubt dass das Heft gerade für jüngere Leser so etwas wie "eine Einstiegshilfe in die ,Zeit' ist".

Aber freilich gab es auch immer wieder Lob und hochrangige Auszeichnungen für das „Zeit Magazin“ und seine hervorragenden Redakteure. Und auch die einstige Feindschaft zum Feuilleton hat sich aufgelöst, längst gehören die Feuilleton-Chefs Florian Illies und Jens Jessen oder Feuilletonisten wie Ursula März zum fixen Autorenteam des „Magazin“. Letztlich hat der Fokus auf Zeitgeistthemen eine neue Art von Journalismus geprägt, der in Magazinen wie „Tempo“ weitergeführt wurde. Wobei es das schon seit 1996 nicht mehr gibt. Das Magazin hat immer wieder aufgeregt, provoziert und sich um junge Kunst gekümmert. Ein Titel im Jahr 1982 zierte eines der Schockbilder des österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein. Untertitel: „Der Schocker von Wien“. Auch die Fotografie spielte im „ZeitMagazin“ stets eine wichtige Rolle. Nicht umsonst haben regelmäßige Fotografen des Magazins, wie Herlinde Koelbl, Juergen Teller und Helmut Newton ihre Lieblingsfotos ausgewählt, die ab sofort bis zum 24. Dezember in einer Ausstellung im Hamburger Alsterhaus zu sehen sind. Der Fotograf Juergen Teller zeigt seine Bilder im November in Wien.

Veränderungen bei der Münchner Konkurrenz

Gewissermaßen die kleine Schwester des „ZeitMagazin“ ist das der „Süddeutschen Zeitung“ am Freitag beiliegende Supplement. Das Münchner „SZ-Magazin“ hat zwar nur eine halb so lange, aber eine nicht minder bewegte Geschichte. Als 2000 bekannt wurde, dass der Schweizer Autor Tom Kummer dem Magazin fiktive Interviews mit Hollywood-Stars verkauft hatte und das nachher „Borderline-Journalismus“ nannte, ging ein Raunen durch die Branche. Im Jubiläumsbuch „Zwanzigzehn“, das im Sommer erschienen ist, lacht die Redaktion schon fast wie darüber und berichtet offen über den damaligen Skandal unter Chefredakteur Ulf Poschardt. Unter den „Besten Texten aus 20 Jahren“ ist dann aber doch kein Kummer-Text abgedruckt.

Kritik muss sich das Münchner „SZ-Magazin“ in jüngster Zeit auch immer wieder aus den eigenen Reihen gefallen lassen. Zumindest berichtet das das deutsche Online-Medienmagazin „V.i.S.d.P.“ in seiner vorletzten Ausgabe. So sei es zuletzt öfter vorgekommen, dass sich Redakteure der „Süddeutschen“ von der Arbeit ihrer Magazin-Kollegen distanziert hätten. Was rein rechtlich und redaktionell durchaus korrekt ist, da Magazin und Zeitung strikt voneinander getrennt sind (obwohl sie seit dem Umzug der Zeitung aus der Münchner Innenstadt an die Peripherie zumindest wieder unter einem Dach arbeiten). Aber kollegial ist ein solches Verhalten eben auch nicht. Vor allem dann nicht, wenn dadurch der Leser verwirrt wird. Nachdem das Magazin vor einigen Monaten den Sat1-Moderator Johannes B. Kerner verrissen hatte, wurde derselbe einige Zeit später auf der Medienseite der Zeitung hymnisch gelobt.

Ungewisse Zeiten kommen auf das „SZ-Magazin“ jedenfalls zu. Weil der jetzige Chefredakteur Dominik Wichmann das Blatt im kommenden Frühjahr verlässt und als Vizechefredakteur beim „Stern“ beginnt, wird ein Nachfolger gesucht. Kolportiert werden auch bekannte „Zeit“-Autoren, wie Florian Illies und Matthias Kalle. Die haben einen Wechsel aber bereits dementiert. Erst vor ein paar Monaten ist Autor Moritz von Uslar vom „SZ-Magazin“ zum „ZeitMagazin“ gewechselt. Der stellvertretende Chefredakteur der „Süddeutschen“, Kurt Kister, der ab 2011 die Chefredaktion von Hans Werner Kilz übernimmt, wollte zur Neubesetzung der Magazin-Chefredaktion nichts sagen. Genauso wenig wie zu den vom „V.i.S.d.P.“ kolportierten Gerüchten. Den neuen Magazin-Chef suchen die Manager der Südwestdeutsche Medien Holding (SWMH) aus, die Eigentümer der „Süddeutschen“ seit 2007. Dominik Wichmann war für die „Presse“ bis Sonntag nicht zu erreichen. Auch die Spekulationen, das „SZ-Magazin“ könnte künftig in einer neuen Wochenendausgabe aufgehen, die man als Gegenpol zu den Sonntagszeitungen anderer deutscher Tageszeitungen plant, bleiben vorerst was sie sind: Gerüchte.

Durchaus als „Konkurrenz“ sieht jedenfalls „ZeitMagazin“-Chef Amend das „SZ-Magazin“. „Aber Konkurrenz belebt das Geschäft“, fügt er hinzu. Und der Autor und Journalist Hellmuth Karasek liest heute beide Hefte gerne und regelmäßig, sagt er. Auch die Hochnäsigkeit der Feuilletonisten von damals sieht er inzwischen anders: „Das Feuilleton musste darauf wert legen, nicht gelesen zu werden“, sagt er. Die „Zeit“ habe „sehr schöne Erfindungen“, so Karasek. Wie etwa die doppelte Titelseite, die es seit der Wiedereinführung des Magazins 2007 gibt. Aber das „SZ-Magazin“ habe „einen größeren Überschreitungsrahmen. Die verblüffen manchmal mehr“, sagt Karasek. Auch wenn das nicht nur gut sei. „So etwas wie die, wenn auch anonymisierten, Beschreibungen der Ex-Geliebten von Wetterunternehmer Jörg Kachelmann vor einigen Wochen hätte die ,Zeit' wohl nicht gebracht“.

Eines jedenfalls lässt sich nicht bestreiten: die Beilagen der Zeitungen sind wirtschaftlich erfolgreich und sehr gut gelesen. Und es soll nicht wenige Zeitungskäufer geben, die in der Trafik stets nachprüfen, ob der „Zeit“ und in der „Süddeutschen“ auch wirklich ein Magazin beiliegt.

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