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Mein Dienstag

Und so endet alles

Liza (Zoe Lister-Jones) und ihr jüngeres Ich (Cailee Spaeny) in dem Kinofilm "How It Ends".Kinostar Filmverleih
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Wenn das Ende naht, sehen wir die Dinge ziemlich klar. Wieso eigentlich nicht schon früher?

Es gibt da diese Szene in der Tragikomödie „How It Ends“ (2021). Die Mittdreißigerin Liza (Zoe Lister-Jones) spaziert durch Los Angeles, um auf eine Party zu gehen und sich von ihren Freunden zu verabschieden. Ein riesiger Meteorit rast nämlich auf die Erde zu, in ein paar Stunden geht die Welt unter. Liza beklagt sich bei ihrem jüngeren Ich (Cailee Spaeny), ihr ganzes Leben lang mehr oder weniger allein gewesen zu sein. „Aber du hast doch mich“, sagt ihr Teenager-Ich. „Du zählst nicht“, erwidert sie und bricht sich selbst das Herz.

Gegen Ende des Films – der Meteorit schlägt gleich ein – kommt es zur Aussprache zwischen den beiden. Bis dahin hat Liza so manche erhellende Begegnung gemacht. Etwa mit einem ihrer Exfreunde, der ihr mit der größten Gleichgültigkeit gesteht, sie mehrfach betrogen zu haben. Oder mit jemandem, der sein jüngeres Ich getötet hat, weil er dessen Anwesenheit nicht mehr ertrug. Zumindest ließ er zu, dass er stirbt, dieses Detail wird offengelassen. Übrigens: Im Film werden sämtliche (eigentlich imaginären) jüngeren Ichs der Protagonisten plötzlich für alle sichtbar. Eine Laune der Natur so kurz vor dem Untergang.

Jedenfalls entschuldigt sich Liza bei . . . na ja, sich selbst. „Ich habe mich geirrt: Du zählst am meisten“, sagt sie. Und schließt Frieden mit sich – mit all ihren bewusst und unbewusst getroffenen Entscheidungen, ob richtig oder falsch, ob spontan oder durchdacht, ob egoistisch oder selbstlos. Ihr jüngeres Ich verschwindet, sie bleibt allein in ihrem Garten zurück, setzt sich eine Sonnenfinsternis-Brille auf und starrt euphorisiert in den brennenden Himmel.

Den inneren Konflikt, den wir alle mit uns herumtragen, die Unfähigkeit, uns mit unserer Vergangenheit zu versöhnen, den Groll über das, was wir getan und nicht getan haben, mit solchen Motiven zu erzählen, muss einem erst einmal einfallen. Einfach genial. Sich in Liza nicht wiederzuerkennen ist unmöglich. Fast hat man sogar das Gefühl, das Kino mit seinem jüngeren Ich zu verlassen. Mit diesem naiven, ahnungslosen, gutgläubigen Teenager. Und das Bedürfnis, ihm zu sagen: „Ich habe mich geirrt: Du zählst am meisten.“

E-Mails an: koeksal.baltaci@diepresse.com