Katharina Rogenhofer Leiterin des Klimavolksbegehrens.
Anzeige
Event

Unternehmen sind die mächtigsten Lösungsmaschinen

Expertentalk 1. Katharina Rogenhofer und André Martinuzzi diskutierten über die Rolle von Wertedebatten und Rahmenbedingungen im Kampf gegen den Klimawandel.

Überschwemmungen, Dürren, Waldbrände und Hitzerekorde sowie das damit verbundene Artensterben — der Klimawandel lässt weltweit seine Muskeln spielen. „Diese Erde hat in vier Milliarden Jahren fünf große Auslöschungen von Arten erlebt, die sechste passiert jetzt“, sagte André Martinuzzi, Leiter des Instituts für Nachhaltigkeitsmanagement an der WU Wien, bei der Umweltdiskussion im Rahmen des Europakongresses. Die ersten fünf seien durch Kometen heraufbeschworen worden, die aktuelle werde durch die Menschheit verursacht. „Wir müssen uns fragen, wie wir unser Verhalten so steuern können, dass wir uns nicht die eigene Lebensgrundlage abgraben“, argumentierte Martinuzzi. Die Frage sei somit, wie man eine Welt bauen könne, „die zehn Milliarden Menschen jahrhunderte-lang ein gutes Leben bietet“.

Dazu brauche es nicht nur entsprechende Technologien, sondern auch einen Wertewandel, sind sowohl Martinuzzi als auch Katharina Rogenhofer, Leiterin und Sprecherin des Klimavolksbegehrens, überzeugt. Auch müssen die vorhandenen Innovationskapazitäten dorthin orientiert werden, wo sie gesellschaftlich und umweltmäßig benötigt werden. Martinuzzi: „Denn Unternehmen sind die mächtigsten Lösungsmaschinen, die wir weltweit haben.“

André Martinuzzi, WU Wien.
André Martinuzzi, WU Wien.WU Wien

Wirtschaft soll umdenken

Rogenhofer nahm in diesem Zusammenhang die Politik in die Pflicht, die für entsprechende Rahmenbedingungen zu sorgen hätte: „Unternehmen, die Menschen und die Natur in den Vordergrund stellen, müssen belohnt werden.“ Doch auch die Wirtschaft sollte umdenken. „Wir haben ein sehr lineares Wirtschaftssystem, in dem wir viele Ressourcen abbauen, diese zu Produkten verarbeiten, die möglichst wenig haltbar sind, damit bald Neues gekauft wird“, ärgerte sich Rogenhofer. Nicht zuletzt werden dadurch Müllberge produziert. „Die Frage ist, wie man die lineare Wirtschaft in eine kreislauforientierte drehen und wie man Dinge möglichst lang nutzen kann“, so Rogenhofer. Sie könnte sich beispielsweise Verbote dort vorstellen, wo es um Dinge gehe, die der Menschheit die Lebensgrundlage rauben würden. Nur die Peitsche würde jedoch Martinuzzi zufolge nicht zielführend sein und auch nicht Zuckerbrot allein.

Spielregeln festsetzen

„In Zusammenhang mit den Rahmenbedingungen muss man unterscheiden, welche Themen auf Unternehmensebene diskutiert werden und für welche eine politische Debatte wichtig ist“, gab Martinuzzi zu bedenken. Die Wachstumsdebatte etwa muss geführt werden, aber nicht mit einzelnen Betrieben. „Wir sollten Foren finden, in denen man Spielregeln diskutiert und dann Unternehmen dazu bringt, nach diesen Vorgaben zu handeln“, regte der Nachhaltigkeitsexperte an.

Doch auch an die menschliche Psyche gilt es zu denken. „Jeder Einzelne muss erkennen, dass er Teil des Problems, aber auch der Lösung ist. Das setzt voraus, dass der individuelle und gesellschaftliche Gewinn erst einsetzt, wenn alle mitmachen“, erklärte der Universitätsprofessor. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass Nachhaltigkeit mit Verzicht konnotiert und daher abgelehnt werde. „Die einzigen Einschränkungen der letzten 30 Jahre waren der Geldbeutel und das Strafgesetzbuch“, sagte Martinuzzi. Verhaltensänderung stellt zwar kurzfristig einen Verlust, aber langfristig einen Gewinn dar. Er träume von einem „virtuellen, nachhaltigen Disneyland“. Eines ist für Rogenhofer jedenfalls klar: „Nichts gegen den Klimawandel zu tun, bedeutet langfristig den größten Verzicht und Aufwand. Wichtig wäre es, Visionen zu entwickeln, um zu zeigen, wohin man will.“

Hart gehen die beiden mit der Politik ins Gericht: Die politischen Entscheider würden „in immer kürzeren Wahlzyklen der kleinen Taktik statt der großen Strategie nachhecheln und digitalen Populismus betreiben“. Martinuzzi: „Das ist keine strategische Gestaltung. Wir wählen Manager, aber keine Gestalter.“ Rogenhofer ergänzte: „Die Politik ist zu einer Angebots- und Nachfragepolitik geworden. Es ist schade, denn Politik sollte nicht wie Wirtschaft funktionieren.“ Sie sehe die Rolle von Politik so, dass Politiker aus bestimmten Wertehintergründen und Visionen Programme erstellen, diese an die Menschen bringen und ihnen schmackhaft machen. „Und nicht zuerst die Leute fragen, wie die Lage sei und danach die Politik einrichten“, sagte Rogenhofer.

Alle sind am Zug

Weiters ist es seltsam, dass wir eine Gesellschaft sind, in der die Norm klimaschädigendes Handeln ist. „Für klimafreundliches Verhalten muss man sich entscheiden, muss man Umwege in Kauf nehmen, mehr Zeit haben und ein großes Geldbörsel“, kritisierte Rogenhofer. Wichtig sei es daher, die Verantwortung an die Politik zurückzuspielen. „Wir müssen anfangen, wieder mehr über politische Verantwortung zu sprechen, die so lang an uns delegiert wurde. Aber das wird dem globalen Problem nicht gerecht“, wies Rogenhofer darauf hin, dass im Kampf gegen den Klimawandel alle am Zug wären.

Die jeweiligen Hebel sind jedoch unterschiedlich groß. Spielregeln aufzustellen ist jedenfalls die Aufgabe der Politik, die jedoch viel zu wenig Ambition in dieser Beziehung zeigt. Die Stimme der Zivilgesellschaft ist in der Politik bedauerlicherweise nicht repräsentiert. „Die Politik muss ins Handeln kommen“, forderte Rogenhofer, die für die Einführung des Klimaschutzes als Grundrecht in der Verfassung eintritt. Nicht zuletzt deshalb, da dies besondere Schutzpflichten vonseiten des Staates voraussetzen würde.

Mehr Informationen: www.diepresse.com/europakongress

Information

Der Europakongress 2021 ist eine Veranstaltung von „Die Presse“ und wird von Erste Group unterstützt.

Lesen Sie mehr zu diesen Themen:


Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt
Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.