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Covid-19

Fehlende Impfkampagne? "Niemand will unpopuläre Dinge als erster in den Mund nehmen"

Trotz einer Vielzahl von Impfaktionen ist die Impfbereitschaft zu niedrig.
Trotz einer Vielzahl von Impfaktionen ist die Impfbereitschaft in Österreich zu niedrig.(c) APA/ROLAND SCHLAGER (ROLAND SCHLAGER)
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Die Regierung müsste angesichts der niedrigen Impfbereitschaft in Österreich „ihre eigene Geschichte vom schönen Sommer" nun plötzlich abändern, so Politologe Filzmaier. Nur: Wer tut das schon gern?

Die Impfkampagne "Österreich impft" ist im Juli ausgelaufen, mit Stand Sonntag sind in Österreich 58,10 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft - mit weiter sinkender Impfbereitschaft. Zugleich lässt die Delta-Variante die Zahl der Neuinfektionen in Österreich wieder stark ansteigen, wieder mehr Menschen befinden sich in Spitalsbehandlung.

Bundespräsident Van der Bellen hat am Wochenende in einem Video zum Impfen aufgerufen, Virologin Dorothee von Laer von der Universität Innsbruck vor einem nächsten Lockdown gewarnt, sollte die Welle „nicht bald abflachen“. Und was macht die Regierung? Warum läuft derzeit keine Impfkampagne?

Filzmaier: „Man stößt hier an Grenzen"

„Niemand will die unpopulären Dinge bis hin zur Impfpflicht als erster in den Mund nehmen“, so die Erklärung vom Politologen Peter Filzmaier. Die Schlüsselfrage sei: „Kann oder will die Regierung nicht an vorderster Stelle der Impfkommunikation stehen?“ Man stoße hier tatsächlich an Grenzen, so der Politologe im Ö1-"Morgenjournal". Es ginge schließlich nicht darum, dass der Bundeskanzler im „ÖVP-Kernland" Niederösterreich Impfwillige überzeugt - sie hätten schon ihren Stich. Auch ginge es nicht darum, dass der grüne Gesundheitsminister in Wien Neubau, „einer grünen Hochburg“, Impfwillige überzeugt, denn auch sie seien vermutlich schon geimpft. Sondern: „Man muss dorthin, wo es weh tut“. Zum Beispiel zu FPÖ-Wählern. „Damit sind wir bei der Unpopularität der Impfkommunikation“.

Politologe Peter Filzmaier
Politologe Peter FilzmaierDie Presse/Clemens Fabry

Denn nun müsste „die eigene Geschichte vom schönen Sommer“ abgeändert werden. Kanzler Kurz hatte vor dem Sommer gemeint, die Pandemie sei für Geimpfte vorbei, im März habe er sie überhaupt für den Sommer für besiegt erklärt. „Jetzt eine Impfkampagne zu starten mit der Aussage, unsere eigenen Ankündigungen waren so nicht richtig, das will man vielleicht nicht“, so Filzmaier.

Für Kommunikationsexpertin „ungünstigster Zeitpunkt"

Laut Recherchen von Ö1 soll eine Kommunikationsagentur im Herbst eine neue Kampagne liefern. Kommunikationsexpertin Nina Hoppe kritisierte dort, dass derzeit keine Strategie der Regierung erkennbar sei. „Es wird mit unterschiedlichen Stimmen gesprochen - sogar von derselben Person.“ So habe Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein (Grüne) die 1-G-Regel, wonach nur Geimpfte Zutritt zu bestimmten Bereichen hätten, zunächst „kategorisch abgelehnt“. „Dann hat er gemeint, vielleicht ab Oktober. Und jetzt ist es sozusagen noch näher gerückt“.

Was es brauche, seien Informationskampagnen, in denen Unentschlossene von der Impfung überzeugt würden. Für Aufklärungsarbeit hätte bis vor Kurzem das Rote Kreuz eben über die Initiative „Österreich impft“ gesorgt, dafür ist aber nun das Bundeskanzleramt zuständig. Viel passiere seither nicht, kritisiert Hoppe: „Das ist der ungünstigste Zeitpunkt, den man sich hätte aussuchen können, denn Mitte Juli hätte diese Kampagne in Wahrheit an Fahrt aufnehmen müssen.“ Wenn man sich Mitte, Ende Juli noch den Erststich geholt hätte, „wären wir mit Ende August, Mitte September mit dem Zweitstich durch und hätten jetzt auch diese Problematik mit dem Schulanfang nicht."

Was kann man besser machen?

Peter Filzmaier schlägt eine bessere Kommunikation in den sozialen Medien vor - „aber dort, wo es weh tut, und „nicht in den eigenen Blasen und unter den eigenen Anhängern“. Man könnte, so der Politologe, Testimonials aus Sport oder Kultur als Verbündete suchen, die beispielsweise bei FPÖ-Wählern gut ankämen.

Auch habe man sich noch nicht wirklich im System der Belohnungen versucht, das „zugegeben schwierig“ sei. „Denn man müsste für Impfbereitschaft für jeden einzelnen individuell eine Belohnung finden“. Eine Möglichkeit sind Lotterien, wie es sie in den USA gibt. Zwar habe es auch „absurde Auswüchse“ gegeben wie Waffenverlosungen. Aber: „Warum nicht in Pilotprojekte mit sinnvolleren Verlosungen investieren“, so Filzmaier, und resümiert: „Wir müssen alles probieren“.

(Red.)