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Gastkommentar

Keine Sorge, Genossen: ORF wird nicht türkis!

(c) Peter Kufner
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Die Linkslastigkeit der österreichischen Journalisten ist gut belegt. Auch gibt es eine hohe Bereitschaft, sich der vom Küniglberg aus vorgegebenen Branchenrede zu unterwerfen. Was ist da vom neuen ORF-Boss zu erwarten?

Die Stimmung war gewitterschwül und ließ Unheil ahnen. Das, was die Zuseher nach der Wahl von Roland Weißmann zum neuen Generaldirektor des ORF in der „ZiB 2“ vorgesetzt bekamen, war denn auch kein Interview. Das war in Wirklichkeit eine Kriegserklärung des Moderators Armin Wolf gegen seinen neuen Chef und dessen politischen Hintergrund.

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Die Szene glich einem Tribunal, in dem der Fragesteller in der Robe des Richters den Angeklagten einem strengen Verhör unterzieht und ihn zum Mittäter einer Kumpanei gegen die politische Moral brandmarkt. Über der Sendung schwebte der Hauch des Jüngsten Gerichts.

Worum es im Grunde ging, war die Kampfansage des linksliberalen Mainstreams gegen eine als machtgierig und reaktionär verteufelte bürgerliche Lebenswelt. Zentrales Angriffsziel war die ÖVP als deren politische Repräsentanz. Beschworen wurde vom linksliberalen (Leit-)Wolf die Gefahr einer Umfärbung des ORF zu einem willfährigen Instrument dieser die Gesellschaft zerstörenden Denkrichtung.

 

Das Gebell der Kickl-FPÖ

Kennzeichnend für das Getöse um den Führungswechsel im ORF war allerdings nicht nur das Aufheulen des medialen Leitwolfs, sondern auch das Mitheulen der Oppositionsparteien, darunter das Gebell der jetzt von vielen ihrer guten Geister verlassenen Kickl-FPÖ. Nicht zuletzt heulten, nur um eine Spur gedämpfter, viele Medien aus dem Minimundus der Zeitungen und Magazine. Auch für sie hat der ORF eine geheime, rational nicht erklärbare Leitfunktion.

Journalisten verstehen sich, wie man am Beispiel der Neuwahl im ORF gesehen hat, informell als eine gesellschaftspolitische Ideengemeinschaft, die sich überdies laufend imaginärer Attacken erwehren muss. Das gemeinsame Gackern der Printmedien mit dem elektronischen Riesen zwingt zum Diskurs, denn es hat einen engen Bezug zur Meinungsfreiheit und somit zu unserer demokratischen Ordnung. Dieses Problem darf nicht länger unter den Tisch gekehrt werden, wenngleich die Diskussion für jene, die gern mit dem Gestus der politischen Korrektheit und als Hüter der demokratischen Moral auftreten, nicht bequem ist.

Zu bedenken ist bei der generellen Betrachtung unserer Medienlandschaft zunächst eine empirisch gut belegte Linkslastigkeit: Mehr als die Hälfte der österreichischen Journalisten sieht sich selbst links der Mitte; nur zwölf Prozent stehen nach eigener Angabe rechts davon. Bei TV und Radio besteht eine Ungleichheit von 65:12 Prozent zugunsten von links. (In Deutschland ist der Linksdrall sogar noch stärker. Dort sind laut einer ARD-Umfrage über 92 Prozent der Jungjournalisten Anhänger von Grünen, Linken oder SPD.)

 

Eng begrenztes Angebot

Das Angebot an politischen Kommunikationsträgern ist hierzulande grundsätzlich eng begrenzt. Neben dem medialen Elefanten ORF gibt es nur 13 Tageszeitungen und zwei bis drei relevante Magazine, die dem Bürger zur Auswahl stehen. Von echter Auswahl kann indes nicht die Rede sein. Typische Attitüde des Gegenwartsjournalismus sind der Verzicht auf Meinungsindividualität sowie eine hohe Bereitschaft, sich der Branchenrede, deren Wortführer vorwiegend im ORF sitzen, zu unterwerfen.

Fatale Folge: Es gibt keinen für das demokratische Gefüge notwendigen Meinungspluralismus. Der konservativ-liberale Österreicher findet in der existierenden Medienwirklichkeit keinen sicheren Hafen und kann nirgendwo mit der Verteidigung seiner politischen Ansichten rechnen.

Kritisch zu betrachten im Zusammenhang mit der Thematik ist auch der Presserat, der als Organ der Selbstkontrolle die Rolle einer grauen Eminenz einnimmt und darüber befindet, was politisch korrekt ist und was nicht. Als nicht vertretbar gilt beispielsweise die Nennung von Namen und ethnischer Herkunft von Straftätern. Journalistisch keusch ist lediglich die Bekanntgabe des Alters. Selbst von schwersten Straftätern, Kinderschändern, Räubern, Vergewaltigern, Messerstechern erfährt der Leser in der Regel nicht viel mehr als die Zahl seiner Jahre.

Andererseits werden Namen und Identität von Politikern und Personen des öffentlichen Lebens häufig auch dann gnadenlos preisgegeben, wenn es sich beim Gesetzesverstoß zunächst nur um eine vage Behauptung ohne formelle Anklage handelt. Der vorgegebene Schutz von Persönlichkeitsrechten ist vielfach Heuchelei; der moralische Rigorismus orientiert sich allzu oft an der politischen Opportunität des medialen Prangers.

 

Abhängig von den Agenturen

Kaum diskutiert im Hinblick auf demokratische Meinungsvielfalt wird sonst die Abhängigkeit der Medien von den Presseagenturen. Weltweit gibt es drei große Agenturen (Associated Press, Reuters, Agence France Press), an denen viele kleine (hierzulande die APA) hängen. Die Agenturen haben eine Schlüsselrolle in der Informationsvermittlung, indem sie die Nachrichteninhalte nach eigenem Gutdünken auswählen und gewichten.

Laut einer Schweizer Studie basieren im Schnitt 78 Prozent aller Artikel auf Agenturmeldungen. Die APA ist im Besitz der österreichischen Print- und elektronischen Medien. Pferdefuß des Problems: Der ORF ist Mehrheitseigentümer der Agentur und hat damit einen bestimmenden Einfluss auf ihre personelle Besetzung und Nachrichtengebung. In der bisherigen Konstellation besteht eine augenscheinliche Linksneigung der Informationsstoffe in Form des Verniedlichens oder Verdrängens von nicht opportunen Geschehnissen.

 

Weißmann, der Schattenboxer

Roland Weißmann hat als neuer ORF-Boss die Möglichkeit, an vielen Schrauben zu drehen. Was ist von ihm zu erwarten? Eine Antwort darauf muss sich mit dem Generaleindruck aus seinem bisherigen Auftreten und diversen Interviews begnügen. In allen seinen Stellungnahmen bemühte er sich um Wohlverhalten, lobpreiste den ORF und seine Macher, bekannte sich zu Gendern und Diversität sowie zur Abwehr aller Versuche, den Status quo im ORF zu ändern.

Seine Unterwerfungsgesten wirkten fast peinlich. Hat Weißmann eigentlich begriffen, wo die gesellschaftspolitischen Reparaturstellen des Medienriesen ORF liegen und worin das zentrale Problem, nämlich die Ausgewogenheit der Information, besteht?

Nein, vor diesem Entscheider, der sich gern als Faustkämpfer stilisiert, brauchen sich die Heldentenöre des Mainstreams nicht zu fürchten. Roland Weißmann ist es in erster Linie um Digitalisierung, Reichweitensteigerung und neue Unterhaltungsevents zu tun. Und was sein Faible für den Faustkampf betrifft, handelt es sich dabei wohl am ehesten um Schattenboxen. Es liegt im Übrigen in der Natur dieser Sportart, dass Leichtgewichtler keinen allzu harten Punch besitzen; ihre Stärke ist der rasche Sidestep. Keine Sorge, Genossen: Türkis wird der ORF bestimmt nicht!

E-Mails an: debatte@diepresse.com

DER AUTOR

Andreas Kirschhofer-Bozenhardt war Journalist in Linz, ehe er 1964 in die empirische Sozialforschung wechselte. Er war Mitarbeiter am Institut für Demoskopie Allensbach und zählte dort zum Führungskreis um Professor Elisabeth Noelle-Neumann. Ab 1972 Aufbau des Instituts für Markt- und Sozialanalysen (Imas) in Linz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.08.2021)