"Philoktet" als Theaterprobe der Berliner Volksbühne

Philoktet Theaterprobe Berliner Volksbuehne
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Landestheater Niederösterreich. Eine bizarre Hommage an Heiner Müller: Gotscheff, Bierbichler und Finzi spielen antiken Osten. Ohne Regie, heißt es. Das merkt man dem Abend tatsächlich an.

Die Intendantin des Landestheaters in Sankt Pölten schafft es, große Namen für Gastspiele in ihrem Haus zu gewinnen, meist sind das beglückende Theaterabende. Diesmal hat Isabella Suppanz für die Herbstsaison Erlesenes von der Berliner Volksbühne nach Niederösterreich gebracht. Der bulgarische Regisseur Dimiter Gotscheff, der Bayer Josef Bierbichler und der aus Bulgarien stammende Schauspieler Samuel Finzi versuchen sich an Heiner Müllers frühem Drama „Philoktet“, einer herben Neuinterpretation der gleichnamigen attischen Tragödie des Sophokles durch den ostdeutschen Dichter.

Gotscheff hatte bereits 1983 in Sofia eine tolle Inszenierung des „Philoktet“ geschaffen, die Müller beeindruckte; eine „grandiose Übersetzung von Text in Theater“ sei da gelungen, schrieb der Dichter. Diesmal blieb es eher beim Text. Ein Probeabend wurde gegeben, ein Lesedrama gespielt, irritierend dilettantisch zum einen, von Profis der Verfremdung zum anderen. Das Erbe Brechts wird angetreten bis zur Peinlichkeit.

Langeweile auf hohem Niveau

Man kann es auch so sagen: Selten kann man sich auf so hohem Niveau langweilen, ärgern oder freuen wie bei dieser epigonalen Interpretation der Geschichte des trefflichen Bogenschützen Philoktet (Gotscheff), der an einer stinkenden Wunde leidet, mit seinen Schmerzensschreien die übrigen Krieger irritiert und deshalb vom listigen Odysseus (Bierbichler) vor dem Kampf um Troja auf Lemnos ausgesetzt wird. Doch in Troja erfahren die Griechen, dass die Festung ohne den Bogen des Philoktet nicht genommen werden kann, also kehrt Odysseus mit Neoptolemos (Finzi), dem Sohn des Achilles, nach Lemnos zurück, damit dieser Philoktet zum Mitfahren nach Troja überrede. Mit allen Mitteln. Wenig Aktion ist das und viel Dialektik. Die Geschichte handelt von Lug und Trug, von der politischen Instrumentalisierung des Menschen, die bei Müller bis zur Körperverwertung geht. Kein Gott rettet im letzten Moment den kaputten Krieger.

Müller sei wahrscheinlich der wichtigste deutsche Dramatiker der zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts, behauptete in einem einleitenden Vortrag („Der Körper als Schauplatz der Konflikte“) am Freitagabend die Theaterwissenschaftlerin Monika Meister. Nun, das werden die Fangruppen von Bernhard, Handke, Strauss oder Jelinek mit einigem Recht bezweifeln, aber sicher scheint, dass Müllers Stücke seit seinem Ableben 1995 zu bizarren Interpretationen reizen. Der Kontinent Müller ist nicht wirklich erschlossen. Vielleicht hängt das auch noch mit der Ächtung zusammen, die er in der DDR erfahren musste. Zur Zeit des Mauerbaus 1961 wurde er aus dem ostdeutschen Schriftstellerverband ausgeschlossen. 1958 bis 1964 hat er „Philoktet“ geschrieben. Die Uraufführung war erst 1968 in München, Müllers Rehabilitierung in Ostberlin setzte erst Mitte der 1980er-Jahre ein, als die DDR zu verwesen begann.

Über die Lüge zur Wahrheit

Die in Sankt Pölten gezeigte Aufführung hatte in Berlin bereits 2005 Premiere. Sie ist von großer Strenge (schwarze Stühle, sonst fast nichts) und zugleich zügellos. „Regie: keine“ heißt es auf dem Theaterzettel, und man merkt das auch. Gotscheff trägt kokett Einzelblätter der Müller-Verse mit sich, liest, wenn (scheinbar) das Gedächtnis nachlässt. Sein neuerlicher Versuch, aus dieser hoffnungslosen Geschichte politischen Missbrauchs eine Lehre zu ziehen, ist zu einem skurrilen Maskenspiel geraten. Hält zum Beispiel Gotscheff einen Monolog, setzt sich Bierbichler in die erste Reihe des Parketts an einen Barwagen, trinkt harte Sachen.

Odysseus bietet auch Philoktet Whiskey an. „Mach ma weiter?“, fragt er. Und schon deklamiert der Bogenschütze, was das Zeug hält. Deutsch mit fremdem Zungenschlag mischt sich mit Bierbichlers bayrischem Dialekt. Ein Hund ist er, dieser Odysseus. „Was wir hier zeigen, hat keine Moral“, heißt es eingangs aus einem Lautsprecher. Am Schluss kann man sich immer noch nicht sicher sein, ob das wirklich gelogen ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2010)

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