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Doktorat: Finanzierung nicht gesichert

Doktorat Finanzierung nicht gesichert
(c) Bilderbox

Finanzielle Engpässe: Vielen Jungforschern könnte eine wissenschaftliche Laufbahn schon bald verwehrt bleiben, zeigt eine Studie. Bis zu 500 Millionen Euro für Doktoratsprogramme fehlen.

Wien. Ihr Status innerhalb der wissenschaftlichen Community ist bis heute unklar, eine Lobby haben sie nicht: In der öffentlichen Debatte um die Zukunft des Hochschulsystems gehen die Doktoranden meist unter. Mit verheerenden Folgen: Die Doktoratsausbildung steht finanziell vor dem Kollaps – das belegt eine breit angelegte Studie des Instituts für Wissenschaftskommunikation und Hochschulforschung.

Zentrale Aussage: Um die adäquate strukturierte Ausbildung all jener Doktoranden zu sichern, die eine wissenschaftliche Karriere anstreben, wären jährlich 640 Millionen Euro nötig. Und damit rund 460 Millionen Euro mehr, als derzeit für Doktoratsprogramme ausgegeben werden. Woher das Geld kommen könnte, scheint – gerade angesichts des Sparkurses im Uni-Sektor – unklar: „Über diese Summe wird ganz einfach nie gesprochen“, sagt Hochschulforscher David Campbell, Koautor der Studie, im Gespräch mit der „Presse“. Der Bericht liegt seit dem Jahr 2008 vor, freigegeben wurde die Veröffentlichung von den beiden Auftraggebern (Uni-Ministerium und Wissenschaftsfonds FWF) erst jetzt.

Die Details der Studie: Im Jahr 2007 gab es an den Universitäten 19.260 Doktoranden. Rund 65 Prozent davon, das sind 12.500 Personen, planen eine Karriere im Wissenschafts- oder im Forschungsbereich. Allein: Nur 15Prozent von ihnen (rund 2800 Studierende) befanden sich in einem finanzierten Doktoratsprogramm, etwa in Doktoratskollegs des FWF oder in Programmen der Akademie der Wissenschaften und der Forschungsförderungsgesellschaft. Die Kosten pro Doktorand belaufen sich dabei auf durchschnittlich 48.000 Euro im Jahr, schätzt der FWF. Das Problem all jener, die keine der raren Stellen gefunden haben: Ein Studium ist für sie kaum noch möglich, das ist das Ergebnis der Doktoratsreform der UG-Novelle 2009.

Alle Doktorate müssen seither mindestens sechs Semester dauern, nicht (wie früher) nur vier Semester. Der akademische Grad, mit dem sie abschließen, kann der „PhD“ oder der „Dr.“-Grad sein. (Die Unis entscheiden selbst, das Ministerium drängt aber auf „eine qualitätsvolle Weiterentwicklung in Richtung PhD“, wie es auf „Presse“-Anfrage heißt.)

 

„Potenzial bleibt ungenützt“

Das neue Studium ist strukturierter, verlangt mehr Anwesenheit und eigenständige Forschungsleistungen. Die Absolventen gelten als „early stage researchers“, sie sollen ihr Studium also nicht neben einem „normalen“ Job absolvieren, sondern eine wissenschaftliche Karriere einschlagen – für ebendiese scheinen jedoch die Plätze zu fehlen. Der FWF geht in seiner Interpretation der Studie, anders als die Autoren, nicht von der Gesamtzahl der Doktoranden aus – sondern beruft sich lieber auf die „aktiven“ Doktoranden, die sich aus der Zahl der jährlichen Abschlüsse ergeben. Die Zahl der unfinanzierten Studien sinkt dadurch auf rund 1300.

Das Problem bleibt das gleiche. „Wir müssen uns klar werden, wie viel Forschung Österreich benötigt.“ Der derzeitige Umgang mit den Doktoranden lasse „viel Innovationspotenzial für die Zukunft ungenützt, obwohl wir behaupten, an einer Wissensgesellschaft und Wissensökonomie bauen zu wollen. Die Leistungen junger Wissenschaftler werden nicht ausreichend gewürdigt“, so Campbell. Vor allem auf Studenten der Sozial- und Geisteswissenschaften würden oft unsichere Laufbahnen warten.

WEITERE INFORMATIONEN DES UNI-MINISTERIUMS >>>


Die Studie des Instituts für Wissenschaftskommunikation am Institut für Interdisziplinäre Fortbildung und Forschung (IFF) der Uni Klagenfurt basiert auf einer Befragung von 2535 Doktoranden sowie Dissertationsbetreuern. Umfragezeitraum: 2007.

Die Reformwünsche sind zahlreich. Mehr als die Hälfte der Doktoranden sieht Bedarf an einer Verbesserung der wissenschaftlichen Ausbildung. Vor allem die Nachfrage nach neuen, strukturierten Doktoratsprogrammen ist hoch. Rund zwei Drittel sprechen sich in der Studie für die Ausweitung transparenter und kompetitiver Auswahlverfahren aus und fordern Finanzierungsmodelle nach dem Muster sogenannter Doktoratskollegs.

Praxis vs. Wissenschaft. Auch eine stärkere Differenzierung von wissenschaftsorientierten sowie praxisorientierten Doktoratsstudien wäre wünschenswert. Es bestehe auch im neuen Doktoratsmodell ein „nicht zu vernachlässigender Bedarf“ an einer Ausbildung ohne wissenschaftliche Karriereaussichten, so die Autoren.

Die Gründe für ein Doktoratsstudium sind unterschiedlich: Knapp 58 Prozent nannten „vorwiegend inhaltliches Interesse ohne konkrete Karriereabsichten“. Rund 53 Prozent erhofften sich von ihrem Studium bessere Jobchancen auch im nicht wissenschaftlichen Bereich.

Die Dissertationsbetreuer spielen für die meisten Doktoranden eine große Rolle. Die Kontaktaufnahme geht vorwiegend von den Studenten aus. Wichtig waren den Befragten vor allem die fachliche Reputation und das internationale Renommee des Betreuers sowie ein kollegiales Klima.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2010)