Umstritten: Migranten hinter dem Lehrerpult

Umstritten Migranten hinter Lehrerpult
Umstritten Migranten hinter Lehrerpult(c) Teresa Zötl
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Schüler mit Migrationshintergrund gibt es viele, Lehrer hingegen kaum. Das soll sich künftig ändern. Manche sehen das als Chance, andere sind skeptisch. Die "Presse" präsentiert drei Porträts.

Wien. Es ist eine große Kluft, die sich zwischen dem Prozentsatz der Schüler mit Migrationshintergrund und jenem der Lehrer mit ausländischen Wurzeln auftut. Eine multikulturelle Schülerschaft – immerhin 16 Prozent der heimischen Schüler haben eine nicht deutsche Muttersprache – steht einer weitgehend „monolingualen“ Lehrerschaft gegenüber.

Künftig soll sich das ändern. Denn hinter den Lehrerpulten sollen schon bald mehr Pädagogen mit nicht österreichischen Wurzeln stehen, fordert das SPÖ-geführte Bildungsministerium. Die Erwartungen an das Projekt sind hoch: Lehrer, die mit einer „Migrantensprache“ vertraut und bikulturell aufgewachsen sind, könnten Schüler, die zugewandert sind, häufig besser in ihrer Lebens- und Lernsituation sowie in ihrer Identitätsentwicklung verstehen, so die Argumentation. Auch der Zugang zu den zugewanderten Eltern sei in Bezug auf sprachliche und kulturelle Verständigung einfacher.

(c) Die Presse / JV

Migranten als „Brückenbauer“

„Diese Lehrer können für die zugewanderten Kinder eine Brückenfunktion für das Leben zwischen den Stühlen übernehmen“, meint die Bildungswissenschaftlerin Bernadette Hörmann von der Universität Wien. Es sei aber Vorsicht geboten: Zu viel dürfe man sich nicht erwarten. Wie gut ein Lehrer seine interkulturellen Kompetenzen tatsächlich einbringen kann, hänge auch von seinem eigenen Reflexionsvermögen ab, so Hörmann.

Erste Ergebnisse einer deutschen Studie zeigen, dass sich die Mehrheit der Migrantenlehrer zum Mittler zwischen den Kulturen berufen fühlt. Und: Knapp 70Prozent gaben an, dass sie sich besonders für den Bildungserfolg von ausländischen Schülern engagieren.

In der Praxis bestätige gerade das die Befürchtungen vieler Eltern. „Zum Problem wird es meist dann, wenn man den Migrationshintergund noch merkt“, sagt der Direktor der Wiener Franz-Jonas-Europaschule, Jürgen Peters. Vor allem, wenn Lehrer ihre (nicht deutsche) Muttersprache im Unterricht einsetzen würden, gebe es einen Aufschrei. Und auch mangelnde Deutschkenntnisse würden für Beschwerden sorgen.

Fehlender Bezug zum Kulturraum

Aufgabe des Schulsystems ist es stets auch, Kultur zu vermitteln: Wenn aber der Bezug zum österreichischen Kulturraum fehle, sei das schwer, sagt etwa die Direktorin der Europäischen Mittelschule, Christine Schiller. Unterrichtsfächer wie Deutsch und Geschichte sollten demnach auch in Zukunft überwiegend von Lehrern mit österreichischen Wurzeln unterrichtet werden, meint sie.

Der Ruf nach Lehrern mit Migrationshintergrund ist daher wohl ein zweischneidiges Schwert: Sind sie eine helfende Migrationsfeuerwehr oder doch selbst Auslöser für neue Probleme? Und: Wie sehen sich Lehrer mit Migrationshintergrund eigentlich selbst? „Die Presse“ hat drei Wiener Pädagogen mit ausländischen Wurzeln in ihren Klassenzimmern besucht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.10.2010)

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