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Häuslicher Unterricht

Mehr als 5600 Abmeldungen: Bildungsministerium will strengere Regeln

(c) Die Presse/Clemens Fabry
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Eltern sollen nicht mehr entscheiden können, wo die Externistenprüfung stattfindet. Außerdem soll ihnen in Aufklärungsgesprächen erklärt werden, was die Abmeldung in der Praxis bedeutet.

Kommende Woche beginnt im Osten Österreichs wieder die Schule. Doch nicht alle Schüler kehren in den Unterricht zurück: Mit der Corona-Pandemie ist die Zahl der Schulabmeldungen gestiegen. Wie viele Schüler genau im Herbst nicht mehr ihre Klassenzimmer betreten, steht noch nicht endgültig fest, es sollen in ganz Österreich aber rund 5600 Kinder und Jugendliche sein, die in den häuslichen Unterricht wechseln.

Das Bildungsministerium will die Regeln für den häuslichen Unterricht nun verschärfen: Zusätzlich zur Externistenprüfung am Jahresende soll künftig schon nach dem ersten Semester der Lernstand der Kinder erhoben werden und Eltern sollen nicht mehr entscheiden können, wo die Externistenprüfung stattfindet. Außerdem sollen den Eltern in Aufklärungsgesprächen die Konsequenzen der Abmeldung verdeutlicht werden.

Laut derzeitigem, nicht endgültigem Stand sind die Spitzenreiter bei den Schulabmeldungen laut Ö1-Recherchen heuer Niederösterreich mit 1400 Abmeldungen und die Steiermark und Oberösterreich mit mehr als 1000 Abmeldungen. Die Zahl der Abmeldungen in Oberösterreich hat sich im Vergleich zum Herbst 2019, also vor Ausbruch der Corona-Pandemie, mehr als verfünffacht. Auch in Salzburg hat sich die Zahl seither mehr als vervierfacht und liegt jetzt bei über 380 Abmeldungen. In Wien wird mit rund 500 Abmeldungen eine Situation wie in den Vorjahren erwartet.

„Ein Hohn der Pädagogik"

Die Kinder- und Jugendanwaltschaften sehen die Entwicklung sehr kritisch, meinte die Salzburger Kinder- und Jugendanwältin Andrea Holz-Dahrenstaedt. Die Kinder hätten schon genug unter den Schulschließungen gelitten: „Die Kinder haben mit so vielen Folgen zu kämpfen, mit psychischen Belastungen, die sich auswirken durch Essstörungen, Angststörungen, Rückzug, Isolation." Umfragen würden zeigen, dass ihnen der Kontakt zu Gleichaltrigen am meisten gefehlt hätte.

Außerdem würde der häusliche Unterricht „keiner Beschränkung“ unterliegen. „Jeder kann Kinder unterrichten. Und das ist, finde ich, ein bisschen ein Hohn der Pädagogik“, so Holz-Dahrenstaedt, „wenn man das überhaupt nicht an verschiedene Fähigkeiten, Kompetenzen knüpft“. Eltern, die ihre Kinder zuhause unterrichten, bräuchten demnach nicht einmal einen Schulabschluss.

Man greife auf ein Gesetz zurück, das nicht mehr zeitgemäß sei. In Österreich gilt keine Schul-, sondern lediglich eine Unterrichtspflicht. Kinder können also auch häuslichen Unterricht oder eine Privatschule ohne Öffentlichkeitsrecht (diese haben nicht das Recht zur Vergabe von Schulzeugnissen) besuchen. Das muss der jeweiligen Bildungsdirektion bis zum Beginn des jeweiligen Schuljahrs angezeigt werden. Diese kann die Abmeldung nur untersagen, "wenn mit großer Wahrscheinlichkeit anzunehmen ist, dass die .... Gleichwertigkeit des Unterrichtes nicht gegeben ist".

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Immer mehr Eltern melden ihre Kinder zum häuslichen Unterricht an – aus Angst vor Corona oder vor Impfungen und Tests. Mancherorts haben sich die Zahlen verdreifacht.

Was soll geändert werden?

Das Bildungsministerium möchte künftig durch Aufklärungsgespräche sicherstellen, dass den Eltern auch bewusst ist, was diese Abmeldung in der Praxis bedeutet, kündigte die zuständige Leiterin der Sektion Allgemeinbildung im Bildungsministerium, Doris Wagner, an: „Weil wir den Eltern im Vorfeld gut mitteilen wollen, worauf sie sich einlassen." Sie glaube, Eltern seien sich oft „dieser hohen Verantwortung nicht bewusst, dass sie für ihre Kinder den Bildungsauftrag haben.“ Aber Pädagogik brauche Profis, und „Profis sind in der Schule.“ Außerdem werde vielerorts angenommen, „dass die Schule sehr unterstützt und auch Lernmaterialien bereitstellt“ - dem sei allerdings nicht so. „Ich glaube, dass man sehr viel von der Pandemie nimmt.“ Im Gegensatz zum Fernunterricht des vergangenen Schuljahres gibt es aber keine Unterstützung der Lehrkräfte beim Unterricht daheim. Außerdem gelten diverse Vorschriften: Es sind etwa Lerngruppen aus mehreren Kindern im häuslichen Unterricht nicht erlaubt, die Schule als sozialer Ort fällt damit für die Kinder weg.

Wird ein Kind daheim unterrichtet, muss es am Ende des Schuljahrs an einer Schule eine Externistenprüfung über den Unterrichtsstoff ablegen. Schafft man diese nicht, darf man sich im darauffolgenden Schuljahr nicht mehr abmelden, sondern muss die Schulstufe an einer Schule mit Öffentlichkeitsrecht wiederholen. An welcher Schule die Externistenprüfung stattfindet, sollen künftig aber in allen Bundesländern die Bildungsdirektionen festlegen. Damit will das Bildungsministerium "Prüfungstourismus" abstellen, so Doris Wagner.

Außerdem soll neben der Externistenprüfung schon nach dem Wintersemester der Leistungsstand und die erreichten Lernziele überprüft werden. So könne man bei Problemen frühzeitig gegensteuern können, wie es aus dem Bildungsministerium heißt. Für die Umsetzung dieser Pläne seien allerdings noch einige rechtliche Fragen zu klären.

Experte: „Falscher Ansatz"

Die vorgeschlagene Reform würde das Problem aber nicht an der Wurzel angehen, warnte Stefan Hopmann vom Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien im Ö1-"Mittagsjournal“. Schließlich seien es in der Regel „bildungsengagierte Eltern“, die sich dazu entschließen, ihre Kinder von der Schule zu nehmen, und die auch gewährleisten können, dass ihre Kinder den Stoff für die Externistenprüfung beherrschen. „Dort liegt also nicht das Problem."

Anstatt auf sie Druck auszuüben und sie „mit irgendwelchen Maßnahmen zu bedrohen", sollte man sich fragen, was im Schulbetrieb falsch läuft, „dass so viele Eltern das Vertrauen verlieren.“ Eine „diffuse Schulangst“ gab es bereits vor Corona, so der Bildungsforscher, und nannte Beispiele: „Was macht der Regelbetrieb? Was macht der Konkurrenzdruck? Was macht das Mobbing? Was macht die soziale Zusammensetzung mit meinem Kind?“

Angesichts steigender Flucht in die Privatschulen und der Tatsache, dass rund die Hälfte der Kinder auf Nachhilfe angewiesen ist, wäre die richtige Frage: „Warum empfinden diese Eltern so? Was läuft in unserem Schulbetrieb falsch, dass die Kinder in der Schule nicht mehr lernen, was sie für die Schule brauchen?“ Eltern, die ihr Kind vom Schulunterricht abmelden, hätten sich das in aller Regel gut überlegt. Für sie stünde die Sorge um ihr Kind im Vordergrund, so der Experte: „Das macht die Entscheidung nicht richtig, aber verständlich."

Denn das Wichtigste in der Schule sei nicht der Erwerb von Lernstoff. „Sondern die Erfahrung, sich gemeinsam mit anderen sach- und fachgerecht über die Welt zu verständigen, über Sachverhalte zu verständigen.“ Es ginge um die soziale Erfahrung, die wichtig sei für die weitere Ausbildung, die späteren Arbeitsverhältnisse, das Funktionieren von Demokratie, so Stefan Hopmann. „Diese Erfahrung kann man privat nicht ersetzen."

(Red/APA)