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Unterwegs

Ohnmacht der Gewohnheit: Zum Frühstück immer das gleiche

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Unsere kulinarische Neugier scheint grenzenlos - aber nur zu Mittag und am Abend, nicht am Morgen. Warum?

Ja, so sind wir: Wir stürmen jedes frisch eröffnete Exoten-Lokal und schwärmen von kulinarischen Abenteuern. Dankbar delektieren wir uns an potenziell tödlichen Kugelfischen beim Japaner, scheuen keine Schärfe-Exzesse beim Chinesen und trinken dankbar vergorene Stutenmilch beim Türken. Was der Städter nicht kennt, das frisst er am liebsten. Erst recht auf Reisen, da sind wir „open-minded“ bis ins hinterste Eck des Gaumens. Allerdings nur zu Mittag und am Abend. In der Früh, müssten extraterrestrische Ethnologen verblüfft konstatieren, verweigern Menschen jegliche Diversität.

Jeder beharrt stur auf sein höchst individuelles morgendliches Menü: eine bestimmte Marmelade, ein spezielles Fruchtjoghurt, das Ei mit präzisem Härtegrad, der Kaffee in unverhandelbarer Intensitätsstufe. Wehe, das gibt's nicht genauso wie gewohnt, dann ist der ganze Tag verdorben. Diese kollektive Kaprize ihrer Gäste treibt die Beherbergungsbetriebe dazu, die Frühstücksbuffets immer höher zu türmen. Womit dann alle unzufrieden sind: Das endlose Suchen nach dem annähernd Adäquaten überfordert ein noch benommenes Bewusstsein, das sich eben erst dem Schlaf entrissen hat.

Daran liegt es wohl: In der Früh fühlen wir uns schutzlos, auf Vertrautes angewiesen. Wenn wir schon keine Muttermilch mehr kriegen, dann bitte zumindest ihr täglich gleiches Surrogat. Doch es gibt Grenzen: Wer auf Reisen sein Ein-und-alles-Müsli mitschleppt und es vor aller Welt auspackt, muss auch in einer strukturkonservativen Frühstücksgesellschaft mit sozialer Ächtung rechnen. Zu Recht.

karl.gaulhofer@diepresse.com


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Gabriel Rath

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2021)