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Filmfestival

Schrecken in Soho, Nostalgie für Neapel, Abort in Angoulême

Anne (Anamaria Vartolomei) will in „L'évènement“ kein Kind, sondern tanzen und studieren.
Anne (Anamaria Vartolomei) will in „L'évènement“ kein Kind, sondern tanzen und studieren.(c) Wild Bunch
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Venedig zeigt Filme über junge Menschen, die an die Grenzen ihres sozialen Umfelds stoßen – und den Ausbruch wagen. Darunter eine Balzac-Adaption und die Verfilmung eines autobiografischen Romans von Annie Ernaux, deren Heldin sich 1963 dem Abtreibungsverbot widersetzt.

Ein Nest kann etwas Schönes sein, ein sicherer Hafen, in dem man gerne ankert. Oder aber ein Käfig, dessen Gitter man aufstemmen muss. Viele der spannendsten Protagonisten von Coming-of-Age-Geschichten sind Nestflüchter: Ihr Stürmen und Drängen treibt die Handlung wie von selbst voran, wenn es auf fordernde Hindernisse trifft. Das Filmfest von Venedig wartet heuer mit gleich mehreren Wettbewerbsbeiträgen auf, die solche Ausbruchsversuche schildern; vielleicht, weil das Korsett der Gesellschaft in Pandemiezeiten besonders fest zwickt?

Was diese Kino-Entwicklungsromane unterscheidet, sind vor allem die Barrieren, die sie ihren jungen Hauptfiguren in den Weg stellen. Die Konkreteste findet sich im französischen Drama „L'événement“. In ihrem Zweitling wagt sich die 41-jährige Regisseurin Audrey Diwan an die Adaption eines autobiografischen Romans von Annie Ernaux. Die begabte Studentin Anne (Anamaria Vartolomei) paukt darin ihrem akademischen Abgang aus der Perspektivarmut von Angoulême entgegen. Da kommt ihr eine Schwangerschaft dazwischen. Dass sie das Kind nicht will, ist Anne schnell klar, der Vater ist längst zurück in sein bürgerlich behütetes Leben. Doch Abtreibungen sind im Frankreich der 1960er gesetzeswidrig. Mit zunehmend bitterer Entschlossenheit erkämpft sich die junge Frau Selbstbestimmung in einem Umfeld, das ihrem Ansinnen fast durchweg ablehnend gegenübersteht.