Dieser Browser wird nicht mehr unterstützt

Bitte wechseln Sie zu einem unterstützten Browser wie Chrome, Firefox, Safari oder Edge.

Amanshausers Album

Warum gehen Menschen auf Reisen

Selma Mahlknecht, „Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen“, Raetia 2021.
Selma Mahlknecht, „Berg and Breakfast. Ein Panorama der touristischen Sehnsüchte und Ernüchterungen“, Raetia 2021.Martin Amanshauser
  • Drucken

Die erste massenhafte Reiseform war die Wallfahrt. Was entstand daraus, wie geht es weiter?

Selma Mahlknecht schreibt ziemlich gut. Jetzt legt die 1979 geborene, in der Schweiz lebende Meranerin mit „Berg and Breakfast“ ein theoretisches Reisebuch vor. Leider ist der scharfsinnige Text von naseweisen Zwischenbemerkungen („ich schrieb es bereits“) durchsetzt und verfällt mitunter in die „Normsprache eines gescheiterten ­Systems“, das sie anklagt. Dennoch hat Mahlknecht viel zu sagen.

Bei der Frage, wieso Menschen auf Reisen gehen, wirft sie ein Schlaglicht auf die Unnatürlichkeit des Bedürfnisses. Die alten Ägypter, für die die Reise ins Jenseits zählte, achteten darauf, nie fern der Heimat zu sterben. Gegenwärtige Tourismusmodelle würden sie befremden – und ein Versicherungsschutz mit Übernahme der Überführungskosten bei Ableben war ihnen unbekannt. „Irgendwo hinzu­fahren, um zu erleben, wie es ist, dort zu sein, wäre den ­meisten Menschen vergangener Tage reichlich absurd erschienen.“

Geschickt zwischen Essay und Sachbuch oszillierend, filetiert Mahlknecht Grundsätzliches: Wie gehen wir mit den Auswüchsen des Tourismus um, der unser Reisen als „moralischen Imperativ“ definiert, „dem sich keiner mehr entziehen kann“, einer säkularen Wallfahrt der Massen – Wallfahrten waren die ersten großen Gruppenreisen –, die den mobilen Teil der Menschheit mit Schamgefühlen (unter anderem „Flugscham“) versieht?
Die Vorstellung, man selbst sei Reisender, alle anderen Touristen, lasse sich in der Epoche des „Abhakens mystifizierter Orte des kollektiven Bewusstseins“ nicht aufrechterhalten – der Unterschied bestünde längst nur mehr in der Rhetorik, beide seien „Konsumenten eines Angebots, an dem sie selbst keinen produktiven Anteil haben“. In einer „Optimierungsspirale“ kriechen viele Menschen dem Urlaub entgegen, wo sie „den bleiernen Mantel ihrer Dienstleistungsrolle“ abwerfen und sich, „verwandelt durch die Magie der Kaufkraft“, in Kunden beziehungsweise Gäste verwandeln. Dabei darf man jedoch eines nicht vergessen: „Wenn wir in die Ferien fahren, haben wir vor allem das Glück gehabt, an einem Ort der Welt zu leben, an dem das möglich ist.“