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Vor 20 Jahren

Als al-Qaida den "Löwen von Pandschir" erlegte

Das Bild von Ahmad Massud war bis zur Eroberung des Landes durch die Taliban in vielen Regionen Afghanistans präsent.
Das Bild von Ahmad Massud war bis zur Eroberung des Landes durch die Taliban in vielen Regionen Afghanistans präsent.APA/AFP/WAKIL KOHSAR
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Ahmad Massud verteidigte das Pandshir-Tal in den 1990er-Jahren gegen die Taliban und erwarb seinen Ruf als Held des Widerstandes gegen die Sowjets. Am 9. September 2001 wurde er getötet, zwei Tage vor 9/11. Sein Grab wurde offenbar zuletzt schwer beschädigt.

Die Kämpfe im Pandschirtal - rund 100 Kilometer von der Hauptstadt Kabul entfernt - waren nur ein kurzer Hoffnungsschimmer für viele Afghanen. Der Widerstand gegen die Taliban unter der Führung des ehemaligen Vizepräsidenten Amrullah Saleh und Ahmad Massud währte nur wenige Wochen. Am 9. September vor 20 Jahren starb jener Mann, den viele Afghanen bis heute als den „Löwen von Pandschir“ verehren.

Der 49-jährige Massud kam in seinem Hauptquartier in der Provinz Takhar ums Leben. Wie die international anerkannte afghanische Regierung damals erklärte, hatten sich die arabischen Attentäter als Journalisten ausgegeben und während eines vorgetäuschten Interviews die Bombe gezündet. Die „belgischen Journalisten“ waren Selbstmordattentäter der al-Qaida. Der Sprengsatz war in einer Kamera versteckt. Massud erlitt schwere Verletzungen am Kopf und verstarb vermutlich kurze Zeit später.

Eine ganze Woche lang gab es Spekulationen, ehe es die von den Taliban vertriebene rechtmäßige Regierung Afghanistans bestätigte: Ihr militärischer Führer Ahmed Shah Massud hat den Mordanschlag nicht überlebt. Tagelang wollten Massuds Anhänger den Tod nicht bestätigen - vermutlich, um sich für eine Offensive der Taliban gegen ihre Positionen im Nordosten des Landes zu wappnen. Denn die in Kabul damals noch - und heute wieder - herrschende und international geächtete Fundmentalisten-Miliz erhoffte sich vom Tode ihres 49-jährigen Hauptgegners einen militärischen Vorteil, nachdem sie sich seit Jahren an ihm und seiner "Nordallianz" die Zähne ausgebissen hatte.

Archivbild aus dem April 2001, wenige Monate vor dem Tod Massuds.
Archivbild aus dem April 2001, wenige Monate vor dem Tod Massuds.APA/AFP/FRANCK FIFE

Grab zerstört

Das Grab Massuds ist nun offenbar teils zerstört worden. In sozialen Netzwerken kursierten am Donnerstag Fotos und Videos, auf denen zu sehen ist, dass die Glasplatte über dem Grab kaputt ist und der Stein am oberen Ende des Grabes umgefallen und in drei Stücke zerbrochen ist. Das Grab befindet sich auf einer kleinen Anhöhe in der Nähe von Basarak, der Provinzhauptstadt Panjshirs. Vor allem an Freitagen fuhren in der Vergangenheit oft mehr als hundert Anhänger zu der Grabstelle, um Massud zu gedenken und zu beten.

Es ist unklar, wie das Grab zerstört wurde. Die Taliban haben nach rund einer Woche schwerer Gefechte mit Widerstandskämpfern in dem Tal am Montag erklärt, die Provinz stünde unter ihrer Kontrolle. Nutzer in sozialen Medien beschuldigten die Islamisten. Auf einem der Videos ist zu sehen, dass ein Taliban-Kämpfer vorschlägt, den Stein nach Kabul zur Reparatur zu bringen.

Offensiven gegen Pandschir scheiterten immer wieder

Seit 1994 kämpfte Massud gegen die von Pakistan unterstützten Taliban. Als die Miliz der Koranschüler im September 1996 die Hauptstadt Kabul einnahmen, zog sich Massud in seinen Geburtsort und seine Hochburg, das Pandschir-Tal, zurück. Innerhalb weniger Monate eroberten die Taliban vier Fünftel des Staatsgebietes. Immer wieder starteten sie neue Offensiven, um auch ihren letzten ernst zu nehmenden Gegner zu besiegen. Zuletzt kontrollierte die von Massud geführte Anti-Taliban-Koalition ein Zehntel des gebirgigen Landes.

Massud galt als Symbolfigur des zehnjährigen Widerstandskampfs der afghanischen Mujaheddin gegen die Sowjetunion. Damals gelang es dem Strategen, den militärisch haushoch überlegenen Sowjettruppen bis zum Ende des Afghanistan-Krieges (1979 bis 1989) die Stirn zu bieten. Nach dem Abzug der Invasoren zog Massud 1992 in die afghanische Hauptstadt Kabul ein und wurde zum Verteidigungsminister ernannt. Im Mai 1993 gab er dieses Amt wieder auf, wie es ein Friedensabkommen der neun rivalisierenden Mujaheddin-Fraktionen vorsah. Er selbst gehörte der "Jamiat Islami" von Präsident Burhanuddin Rabbani an. Wenig später fand er sich erneut im Widerstand wieder - diesmal gegen die Taliban.

Massuds Vorfahren stammen aus Tadschikistan, sein Vater war Oberst in der königlichen afghanischen Armee. Schon 1975 zog der "Löwe des Pandschir" in den bewaffneten Kampf. Damals beteiligte sich Massud an einer der ersten islamischen Revolten, die jedoch von der Armee von Staatschef Mohammed Daoud niedergeschlagen wurde. Für seine weiteren Kämpfe studierte Massud die Schriften Mao Tse-tungs und Che Guevaras. Allgemein galt der afghanische Kriegsherr als unabhängiger Kopf, der sich nicht von ausländischen Geheimdiensten einspannen ließ. Täglich las er mit moslemischen Schriftgelehrten den Koran. Im Spektrum der islamischen Kräfte war Massud eher auf der Seite der Gemäßigten zu finden.

(APA/AFP)