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Baumarkt

Rohstoffmangel: Rasche Entspannung nicht in Sicht

Der Rohstoffmangel führt zu Verzögerungen auf den Baustellen
Der Rohstoffmangel führt zu Verzögerungen auf den Baustellen(c) APA/HARALD SCHNEIDER
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Lieferschwierigkeiten und steigende Preise führen zunehmend zur Beeinträchtigung von Projekten. Planer und Bauträger versuchen, darauf zu reagieren – auf je eigene Weise.

Die Auftragsbücher wären ja voll, allein die Aufträge können nicht abgearbeitet werden. Nicht nur in Österreich, sondern weltweit sehen sich die Baufirmen zunehmend mit einem Rohstoffmangel konfrontiert. Beim Verband der Österreichischen Beton- und Fertigteilwerke (VÖB) meldet jedes zweite Unternehmen mittlerweile spürbare Beeinträchtigungen. „97 Prozent der Betriebe rechnen mit Teuerungen entlang der ganzen Lieferkette, knapp 70 Prozent gehen gleichzeitig von einer Verlangsamung der Produktionszeiten als Folge des Rohstoffmangels aus“, berichtet VÖB-Präsident Franz Josef Eder.

Die VÖB-Mitglieder sind damit nicht allein. Preissteigerungen versuche man so weit wie möglich zu vermeiden, „indem wir die diversen Möglichkeiten in unseren Projekten evaluieren und unsere Planung auf verschiedene Baustoffe wie Beton, Ziegel oder Holz ausrichten, sagt Friedrich Gruber, COO von 6B47 Real Estate. In der aktuellen Situation sei dies trotzdem herausfordernd, da die Preissteigerungen bei immer mehr Baumaterialien offensichtlich sind.

Umplanungen erforderlich

Die Lieferschwierigkeiten lassen aktuell eine Planung der Bauzeiten zu einer noch größeren Herausforderung werden. „Die Ressourcenknappheit spüren wird schon seit dem vierten Quartal des Vorjahres, und sie ist zunehmend mit erheblichen Einschränkungen und Auswirkungen verbunden“, berichtet Philipp Janes, Geschäftsführer von A2K Architekten. Bei laufenden Projekten müssten Material- und Systemwechsel vorgenommen werden, da eingeplante Baustoffe erst Monate später verfügbar sind. „Das bedeutet für uns einen massiven Mehraufwand in der Planung. Die zusätzlichen Kosten für den Mehraufwand geltend zu machen ist nicht ganz einfach“, so Janes.

Die derzeit auf dem Baumarkt gegebene Unsicherheit und schlechtere Kalkulierbarkeit ist für Wolfgang Gleissner, Geschäftsführer von BIG/ARE, in jedem Einzelfall zu berücksichtigen und kann zu Umplanungen führen: „Technisch, inhaltlich wie auch zeitlich. Wie sich dann die Gesamtkosten entwickeln, hängt maßgeblich vom Projektinhalt, dem Projektstatus, den vereinbarten Leistungen, aber auch der Auslastung der ausführenden Firmen ab.“

 

Viele Unsicherheiten

Was die damit verbundenen Preissteigerungen betrifft, müsse man differenzieren, sagt Siegfried Weiß, CTO von Soravia: „Bei in Bau befindlichen Projekten haben wir die Bauleistungen zu fixen Preisen vergeben, die Preiserhöhungen bei Baustoffen schlagen daher nicht auf uns durch.“ Bei kurz vor Vergabe stehenden Projekten habe man die Erfahrung gemacht, dass sich durch die Preissteigerungen bei gewissen Baustoffen die Bauleistungen insgesamt um rund sieben bis zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr erhöht haben.

Wolfgang Gleissner jedenfalls wünscht sich, so wie alle Marktteilnehmer, eine Entspannung, „wann diese eintritt, lässt sich jedoch noch nicht sagen“. Zu viele Unsicherheitsfaktoren spielen hinein, die Nachfrage auf den Weltmärkten war unerwartet hoch und die Lieferketten stocken weiterhin als Folge von Covid.

Eine rasche Entspannung scheint nicht in Sicht zu sein, meint Francesco Federle, CEO der deutschen BF Direkt AG. Es sei zwar damit zu rechnen, dass die Baupreise langfristig wieder sinken werden, wenn die Störung der internationalen Produktionsketten beseitigt ist. Kaum zu prognostizieren sei aber der Einfluss der höheren Nachfrage in den einzelnen Ländern: „Die Datenlage zum internationalen Baustoffhandel ist schlecht und damit eine exakte Berechnung der Auswirkungen möglicher Nachfrageveränderungen auf die Baupreise derzeit nicht möglich“, meint Federle. Dass die Preise dauerhaft höher bleiben werden, sei ein durchaus realistisches Szenario (siehe dazu auch Randspalte links).

 

Lernprozess für alle

Janes hält ein Umdenken bezüglich bisher üblicher kurzfristiger Umplanungen durch Auftraggeber für erforderlich, um so erhöhte Vorlaufzeiten sicherstellen zu können. Generalunternehmer wiederum seien gefordert, ihre Subplaner deutlich früher in vollem Umfang zu beauftragen. „Es ist ein Lernprozess für Entwickler, Architekten und Ausführende“, betont der Architekt. Zudem sei es notwendig, aktuell und in Zukunft mehr Zeit für Bauprojekte einzuplanen. Neben dem Baustoffmangel zeigt sich derzeit aber noch ein weiteres Problem: Die Unternehmen klagen verstärkt über den zunehmenden Fachkräftemangel. „Drei von vier befragten Unternehmen finden keine geeigneten Bewerber für offene Stellen“, sagt VÖB-Präsident Eder.

Alle diese Probleme und damit die steigenden Kosten werden über kurz oder lang auch bei den Nutzern oder Käufern ankommen, zieht Örag-Vorstand Stefan Brezovich ein Resümee: „Die gestiegenen Baukosten werden – so sie nicht aufgrund einer Normalisierung der Transportwege bald zurückgehen – mittelfristig zu Preissteigerungen bei Mieten und Kaufpreisen führen.“

AUF EINEN BLICK

Bauzeiten müssen nicht nur aktuell, sondern auch in Zukunft länger berechnet werden.

• Der Anstieg der Produktionskostenkönnte ein langfristiger Effekt sein.

Preisschwankungen müssen künftig von Bauherren und Bauunternehmen gemeinsam getragen werden.

• Steigende Kosten werden sich auf Mieten und Kauf durchschlagen.

• Nicht nur der Baustoffmangel, auch der Fachkräftemangel hat sich verschärft.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.09.2021)