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Essay

Von der Schule gehasst

„Auf der Flucht war ich Flüchtling, jetzt bin ich Schülerin.“
„Auf der Flucht war ich Flüchtling, jetzt bin ich Schülerin.“Getty Images/Maskot
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Als Jugendlicher hätte ich eine Person gebraucht, die an mich glaubt. Einen Mentor oder eine Mentorin, die meine Ängste und Zweifel sieht, mich an der Hand nimmt und sagt: „Passt schon, probieren wir es weiter, du schaffst das.“

Als Kind hasste ich die Schule und sie mich auch. Jeden Tag in der Früh dachte ich mir Ausreden aus: Oft täuschte ich vor, krank zu sein, oder ich tat, als würde ich in die Schule gehen, versteckte mich aber bis zum Schulschluss im Keller. Damals verstand ich meine Abneigung nicht. Vermutlich waren die vielen Schläge auf die Hände und anderswo mit dem Holzstück bei Fehlverhalten ein Grund dafür. Oder etwas anderes. Alle Lehrer:innen waren davon überzeugt, dass ich ein fauler und dummer Schüler war, und ich hatte dasselbe Bild von mir. Noch dazu stotterte ich. Ich saß auf der letzten Schulbank, die Bank der Faulen, und war in meine Fantasiewelt versunken.

Am Anfang dachte ich mir Geschichten aus, in denen ich Astronaut und auf langen Reisen war, um weite Galaxien zu entdecken. Oder ich fantasierte, dass ich ein Ritter in den vorislamischen Zeiten war und für Arme kämpfte. Später begann ich diese Geschichten aufzuschreiben und habe meinen Bruder gezwungen, sie nachzuspielen. Mit sechzehn entdeckte ich meine Liebe zur Poesie. Ich schrieb Liebesgedichte an eine fiktive Frau, in die ich verliebt war. Einmal erwischte mich der Mathematiklehrer, schwenkte das Papier in der Luft und lachte mich vor allen Mitschülern aus: „Bist du jetzt Mahmud Darwisch?“ Ab da nannte er mich so – nach dem bekannten Dichter. Es war nicht als Kompliment gemeint.

Auch meinen Vater begeisterten meine Schriften nicht. An einem Freitag suchte er in der ganzen Wohnung eine Nagelschere, bis er endlich in mein Zimmer kam und die Schublade öffnete, in der ich meine Texte versteckt hatte. Die erste Geschichte, die er las, war über den Vater des jetzigen Präsidenten, in dem ich meine kindlich-naiven Gedanken über ihn in Worte gefasst hatte. Als Kind hatte ich sein Porträt an jeder Ecke gesehen. Damals dachte ich, er sei der Prophet Mohammed. Mein Papa verpasste mir eine Ohrfeige, dass mir drei Minuten lang das Ohr klingelte – mein Onkel Nisar, sein bester Freund, war einige Wochen vorher vom Geheimdienst verhaftet worden und verschwunden. Er war für Demokratie und Menschenrechte eingetreten.