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Interview

Petritsch: „Austria-First-Politik“ zu Afghanistan ist „blamabel“

Wolfgang Petritsch
Wolfgang PetritschKatharina F.-Roßboth
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Spitzendiplomat Wolfgang Petritsch kritisiert, dass die Afghanistan-Politik der Regierung Österreich schade: „Wir sind ja nicht allein auf der Welt“. Und er fordert Lehren Europas aus dem US-Abzug.

Die Presse: Wie wird in Südosteuropa der chaotisch verlaufene Abzug der USA aus Afghanistan aufgenommen?

Wolfgang Petritsch: Ich habe zuletzt in der Region viele Gespräche geführt. Das Fazit: Es herrscht große Nervosität. Die zeigt sich auch darin, dass sich Albanien, Kosovo und Nordmazedonien sofort bereit erklärt haben, afghanische Flüchtlinge aufzunehmen, um so auch die Partnerschaft mit den USA zu stärken. Der Kosovo zählt zu den am stärksten proamerikanischen Ländern. Auch Albanien und Nordmazedonien sind proamerikanisch. Diese Staaten haben das Gefühl, von der EU links liegen gelassen zu werden: der Kosovo, weil seine Bürger noch immer keine Visafreiheit genießen, und Nordmazedonien, weil wegen Bulgariens Veto der überfällige EU-Verhandlungsbeginn blockiert ist. Damit ist auch Albanien in der Warteschleife. Sogar in Belgrad, wo Washington ein regionales Investitionszentrum installiert hat, gibt es die Sorge, zu sehr in die Abhängigkeit von China zu rutschen, sollten sich die USA zurückziehen.

Aber gerade in US-Präsident Joe Biden wurden große Hoffnungen gesetzt, dass er sich stärker in Südosteuropa engagiert.

Nach den Trump-Jahren herrschte eine nicht nachvollziehbare Euphorie, Biden werde für Europa umgehend alle Probleme auf dem Balkan lösen. Es wurden große Dinge erwartet, die von Beginn an unrealistisch, ja sogar kontraproduktiv waren. Nach Afghanistan wird mehr Realismus einkehren. Ich hoffe, dass endlich die Stunde Europas anbricht: Wenn Europa auf dem Balkan nicht durchstartet und weiter glaubt, dass Biden das alles richtet, ist das ein Riesenproblem für uns.