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Kino

"Dune": Donnernde Zukunftsmusik im Wüstensand

Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson in "Dune"
Timothée Chalamet und Rebecca Ferguson in "Dune"(c) Warner
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Am Mittwoch startet Denis Villeneuves Neuverfilmung von Frank Herberts Sci-Fi-Epos „Dune“ in den Kinos. Das Leinwandspektakel versucht gar nicht erst, den Roman in seiner Gänze zu fassen. Und wirbelt lieber viel Dünenstaub auf.

Ein Wüstenplanet, das könnte (zumindest aus westlicher Sicht) ein richtiger Sehnsuchtsort sein. Eine romantische Märchenlandschaft voller sanft geschwungener Sandhügel, wo die Sonne gülden am Horizont glimmert wie bei „Lawrence von Arabien“ – ein wilder Traum von verwegener Freiheit. Doch in Zeiten der Dauerbedrohung durch die Klimakrise – formerly known as Erderwärmung – beschwört der Begriff eher apokalyptische Visionen herauf: Dürre, Hitzekoller, Ressourcenknappheit. Eine unwirtliche Wüstenei.

Auch Frank Herberts Science-Fiction-Roman „Dune“ (1965) wurzelt in einem für den Menschen eher unerquicklichen Naturphänomen. Als Journalist besuchte Herbert den Dünengürtel an der US-Nordpazifikküste, wo das Landwirtschaftsministerium sich abmühte, den schleichenden Übergriff der Sandwehen auf angrenzendes Humanhabitat einzudämmen. Diese leise rieselnde Landnahme war zündender Funke eines monumentalen Erzählzyklus (sechs Wälzer von Herbert und etliche Fortsetzungen unter der Ägide seines Sohnes Brian), dessen mythologischer Gestaltungswille dem von „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ in nichts nachsteht. Lang zählte er zu den erfolgreichsten Marken seines Genres.

„Dune“ gilt als notorisch schwer verfilmbar. Vor allem aufgrund seines sandigen Settings und seiner verwickelten Handlung, die oft zwischen Figurenperspektiven hin- und herspringt. Doch die berühmtesten Adaptionsversuche scheiterten auch am Ehrgeiz der Federführer. Der chilenische Kino-Psychedeliker Alejandro Jodorowsky wollte Mick Jagger und Salvador Dalí in Hauptrollen besetzen, HR Giger als Set-Designer, Pink Floyd für die Musik. Hollywood war das zu abgespaced. 1984 brachte David Lynch „Dune“ erstmals auf die große Leinwand. Allerdings in einer von Produzenten gestutzten Fassung, die an den Kassen floppte. Von dieser Schmach will Lynch heute nichts mehr wissen. Seine wunderlich groteske Version hat dennoch treue Fans.

Großmächte und das galaktische Gold

Auch beim jüngsten „Dune“-Filmversuch stand einer hinter der Kamera, der den Spagat zwischen Kunst und Kommerz exerziert. Der Kanadier Denis Villeneuve hat sich mit seinem düsteren „Blade Runner“-Update für das Wüstenepos empfohlen. Und ließ schon vor Drehbeginn narrativen Druck ab: Seine Fassung würde nur den ersten Teil des ersten Romans abdecken. Herausforderung genug: Auch diese 300 Seiten platzen inhaltlich aus allen Nähten.

Die Essenz? In ferner (und zugleich archaisch computerbefreiter) Zukunft ringen verfeindete Herrschergeschlechter um die Vormachtstellung im Universum. Galaktisches Gold ist dabei das „Gewürz“, eine multifunktionale Wundersubstanz mit halluzinogenen Eigenschaften, gewonnen aus dem Sand des Wüstenplaneten Arrakis. Hier soll Paul Atreides (Timothée Chalamet), Thronerbe seines Vaters, des rechtschaffenen Herzogs Leto (Oscar Isaac), zum Manne und Potentaten heranreifen, umsorgt von seiner weltgewandten Mutter Jessica (Rebecca Ferguson) und diversen höfischen Mentoren. Doch der böse Baron Vladimir Harkonnen (Ähnlichkeiten mit lebenden Autokraten sind unbeabsichtigt) spinnt im Schatten perfide Intrigen.

Was klingt wie eine simple Fantasy-Mär, entwickelt sich beim Universalgelehrten Herbert zu einem erstaunlich vielschichtigen Panorama des komplexen Zusammenspiels von Gesellschaft und Ökologie, persönlichen Bedürfnissen und politischen Daseinszwängen. Ideologisch lässt sich „Dune“ nicht wirklich festnageln: Einerseits geht es um Umweltbewusstsein, Klassenkampf, Kolonialismuskritik. Zugleich um dynastisches Schicksal und biologistische Blutsbande. Bisweilen scheint eine latente Schwulenfeindlichkeit durch.

Villeneuve kübelt vor allem die psychologischen Aspekte: Bei Herbert sind viele Figuren mit einem Wahrnehmungsapparat ausgestattet, dessen Hypersensibilität die wildesten Träume zeitgenössischer Achtsamkeitskapazunder weit übersteigt. Davon spürt man im neuen Film wenig, zu viel Plot muss aus dem Weg geräumt werden. Weshalb die erste Hälfte des Zweieinhalbstünders etwas trocken ausfällt. Für Atmosphäre sorgt hier hauptsächlich die üppige Ausstattung. Erst nach wesentlichen Wendepunkten spielt diese wuchtige Weltraumoper ihre Stärken – Bildgewalt und Düsterpathos – aus. Dann bebt der Kinosaal, als sich ein riesiger Sandwurm aus dem Wüstenstaub erhebt. Dann donnert das Spektakel zum Soundtrack-Bombast von Hans Zimmer. Thematisch liegt der Fokus aber, passend zum Zeitgeist, auf dem Thema „Zukunft“: Nur die Jungen können sie verändern. Und den Weg zur Filmfortsetzung ebnen.


[RSBYS]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.09.2021)