In den Achtzigerjahren hatten smarte Yuppies ihre große Zeit – und US-Präsident Ronald Reagan, der sie von der Leine ließ.
Die Welt schien noch stabil. In der ersten Szene von Oliver Stones Kinofilm „Wall Street“ aus dem Jahre 1987 erklingt Frank Sinatras „Fly me to the Moon“, während sich die Kamera den Türmen des World Trade Centers in Manhattan nähert. Sie standen noch fest verankert in der Finanzmetropole New York. Die Szene ist in mildes Licht getaucht. Ob die Sonne aber auf- oder untergeht, ist nicht auszumachen.
Ron Reagan befand sich bereits in der Abenddämmerung seiner US-Präsidentschaft, aber für Börsianer gab es noch immer den Sonnenaufgang, den der Republikaner ihnen nach seinem Amtsantritt 1981 versprochen hatte. Mit seltsamen kleinen Grafiken hatte er für sein Wirtschaftsprogramm geworben. Der angebotsorientierte Ökonom Arthur B. Laffer hatte diese Kurven zur Argumentation für niedrigere Steuern erfunden. Reagan versprach Reformen durch Reduktion; weniger Steuern, Ausgabensteigerungen, Inflation – vor allem weniger Regulierung.
Das mit dem Sparkurs hat in den Achtzigerjahren gar nicht funktioniert, der gelang erst Bill Clinton in den Neunzigerjahren, aber die Deregulierung der Finanzmärkte führte rasch dazu, dass ein Finanzhai wie Gordon Gekko (den Michael Douglas in „Wall Street“ mit ölig glattem Haar spielt) gar nicht so sehr eine Fantasie aus Hollywood blieb, sondern das Vorbild für eine Generation Investoren wurde.
Stones Blaupausen für Gekko wiederum waren die Investoren Ivan F. Boesky und Karl Icahn (er vollzog die feindliche Übernahme von TWA), vielleicht auch Robert Milken, der Erfinder der Junk-Bonds, von ambivalentem Zeug. Die Finanzwelt hat Risiko-Pakete für Börsenschafe inzwischen verfeinert, nach der Krise 1987, der Blase 2000, dem GAU der Geldvernichtung 2008. Reagans Deregulierung gilt im Kern noch heute.
Was also ist aus der Gier geworden, die Gekko in „Wall Street“ in einer enthüllenden Rede vor hungrigen Aktionären und einer Kompanie satter Manager der fiktiven Firma Teldar Paper preist? Stone benutzte dafür reale Zitate Boeskys: „Es ist gut, wenn man habgierig ist. Ich möchte sogar behaupten, dass es gesund ist, habgierig zu sein“, sagte er 1986 vor Absolventen einer Wirtschaftsuni. Das ist reine Spekulation. Eines aber scheint seit Erfindung des Eigentums gewiss zu sein: Gier schläft nicht. Mit „Wall Street III“ ist jederzeit zu rechnen.
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("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2010)