Ein intensiver Shakespeare im Schauspielhaus Graz. Regisseur Boermans gelingt die zeitgemäße Deutung einer Rachetragödie. Ein Wahnsinn der Methode hat.
Hat der Prinz den Verstand verloren? In Theu Boermans Inszenierung der Tragödie William Shakespeares deutet einiges darauf hin. Ehe Hamlet (Claudius Körber, intensiv und filigran) die Machenschaften seines Onkels durch ein Spiel im Spiel aufdecken will, strippt er vor dem Hofstaat. Seine Nacktheit wirkt deplatziert in dieser Partygesellschaft, in der selbst der Sicherheitsdienst feinen Zwirn trägt. Kleider liegen bereits genug herum, es regnet sie immer wieder schwarz oder rot herunter, auch weiße oder schwarze Schleier schweben nieder in diese graue Halle mit einem Rednerpult im Zentrum (Bühne: Bernhard Hammer). Hamlet watet nicht durch Blut, sondern durch irre Berge von Textilien.
Aber ein Indiz zeigt, dass der Wahnsinn Methode hat. Nackt ist Hamlet, doch nicht wehrlos. An seinem Hintern hängt am Gurt die Pistole. Mit ihr wird er den Höfling Polonius (Franz Xaver Zach in einer schönen Charakterrolle) erschießen. König Claudius (Stefan Suske, ein souveräner Manager der Macht) entgeht der Kugel nur, weil er gerade betet. Hamlet agiert gnadenlos rational. Er will verhindern, dass der reuige König direkt in den Himmel befördert wird. Das ist der gemeine Grund fürs berühmte Zaudern, in diesem Überwachungsstaat, der dem Helden bald ans Leben will.
Eine verlorene Generation
Aber auch Hamlet ist ein Unmensch in machiavellistischer Manier, dazu wird er, weil ihn sein Onkel um den Thron betrogen hat, durch Brudermord, wie Hamlet vom Geist des Vaters (Otto David aus dem Lautsprecher) erfährt. Nach dieser Enthüllung wird Hamlet zu einem Rächer, der eine verlorene Generation vertritt, so wie die von ihm zurückgewiesene Ophelia (Claire V. Sobottke), die den Irrsinn zu exzessiv auslebt. Nicht alles ist stimmig an diesem packenden Abend, das liegt an Übertreibungen, etwa, wenn der Prinz seine Mutter (Birgit Stöger, schräg gestylt) zur Rede stellt; das wird bei Boermans wie eine Vergewaltigung interpretiert.
Schließlich aber ist Schluss mit modischen Einsprengseln. Es folgt noch ein Auftritt des rebellischen Laertes (Rahul Chakraborty) als milchgesichtiger Söldner von heute, aber die absolut tödliche Fechtszene mit Hamlet wird konventionell mit Rapieren und Giftbechern durchgeführt. Der Rest ist Schongang. Fortinbras, der neue Herrscher (Martin Papst), darf staatstragend deklamierend Dänemark säubern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2010)