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Der ökonomische Blick

Steigendes Hochwasser-Risiko: Versicherungssysteme geraten an ihre Grenzen

SALZBURG: HOCHWASSER - SITUATION IN KAPRUN
APA/EXPA/JFK
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Der Klimawandel bringt auch mehr Überflutungen mit sich - eine besondere Herausforderung für die öffentlichen Budgets. Wie Österreich und andere Länder auf das steigende Hochwasser-Risiko reagieren könnten.

Überflutungen, wie sie im Sommer 2021 in Österreich, Deutschland und anderen EU Ländern aufgetreten sind, werden in Zukunft nicht nur immer häufiger und intensiver, auch die Zunahme an Vermögenswerten und Bevölkerung in gefährdeten Gebieten führt zu steigenden Schäden. Ganz abgesehen von den traumatischen Erlebnissen vieler Betroffener, stellen Katastrophen dieses Ausmaßes eine besondere Herausforderung für öffentliche Budgets dar. Einerseits werden Betroffene oft mittels finanzieller Hilfen schnell und unkompliziert unterstützt, andererseits kommt es durch den Klimawandel langfristig zu Produktivitätsverlusten, geringerer ökonomischer Aktivität und zu Rückgängen von Steuereinnahmen.

Die Frage stellt sich also, wie man mit solchen Ereignissen umgehen kann und soll. Klar ist, dass Maßnahmen zur Minderung des Klimawandels die oberste Handlungsprämisse darstellen, um Risiken und Schäden in Grenzen zu halten (z.B. über die Einhaltung des 1,5-Grad-Celcius-Ziels des Pariser Klima-Abkommens). Klar ist aber auch, dass das Klimasystem nur sehr träge auf Emissionsreduktionen reagiert und der Klimawandel – selbst wenn wir es schaffen unsere Emissionen schnell abzusenken – noch weiter voranschreiten wird. Es werden also bereits heute Maßnahmen benötigt, die uns vor den Folgen solcher Ereignisse möglichst gut schützen: Klimawandelanpassung. Eine Maßnahme kann darin bestehen, die Hochwasserschutzstandards zu erhöhen, jedoch ist eine Reduzierung des Hochwasserrisikos auf null oft nicht machbar oder zu kostspielig, so dass ein Restrisiko verbleibt (1). Versicherungsmechanismen, die finanziellen Schutz bieten und Anreize zur individuellen Anpassung an verbleibende Hochwasserrisiken schaffen, können zum effektiven Umgang mit diesem Restrisiko beitragen (2).

Jede Woche gestaltet die „Nationalökonomische Gesellschaft" (NOeG) in Kooperation mit der "Presse" einen Blog-Beitrag zu einem aktuellen ökonomischen Thema. Die NOeG ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der Wirtschaftswissenschaften.

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Eine Versicherung gegen Hochwasserschäden ist in Österreich derzeit allerdings nicht verpflichtend und nur geschätzt ein Drittel der Haushalte in Hochrisikozonen greifen freiwillig darauf zurück. Einige Studien haben gezeigt, dass das Versicherungssystem in Österreich, so wie in vielen anderen EU Ländern, einer Reform bedarf um mit den steigenden Schäden umgehen zu können (3–6). Ziel ist es, Versicherung gegen Hochwasserschäden möglichst breit und effektiv zu implementieren, was derzeit nicht der Fall ist. Im Großteil der EU Länder ist der Versicherungsschutz freiwillig und die Anbieter sind private Unternehmen, die Prämien basierend auf individuellem Risiko berechnen. Für niedrige Einkommen sind diese dann jedoch oft nicht leistbar (7). Für viele Haushalte stellt eine Versicherung auch keine attraktive Option dar, da das eigene Risiko unterschätzt wird und/oder man sich auf spontane Soforthilfen verlässt (z.B. aus dem Katastrophenfonds). Formelle Versicherungen werden somit durch die öffentliche Hand ersetzt.

Es gibt Vorbilder im EU Raum, wie Versicherungssysteme gestaltet werden könnten, um sowohl den Versicherungsschutz zu erhöhen, indem er beispielsweise verpflichtend und auch für niedrige Einkommen leistbar gemacht wird, als auch die Belastung für öffentliche Budgets vertretbar zu halten. Eine dieser Möglichkeiten findet man in Frankreich, Belgien oder Spanien, wo die Prämien vom individuellen Risiko entkoppelt sind, was zwar die Kosten für die Bewohner von Hochrisikogebieten wirksam begrenzt, aber auf Kosten der Bewohner von Niedrigrisikogebieten geht. Zudem schafft so ein solidarisches System keinerlei Anreize das individuelle Risiko zu begrenzen. Eine andere Option findet man bereits in Großbritannien und besteht aus einer Kooperation zwischen öffentlichen und privaten Akteuren (eine public-private partnership), die einerseits individuelles Überflutungsrisiko in die Prämienberechnung einfließen lässt, andererseits die Höhe der Prämien deckelt, um niedrige Einkommen nicht zu überlasten. Das darüber hinaus bestehende Risiko wird dann vom Staat getragen. Ein solches System erlaubt auch die Einführung einer verpflichtenden Versicherung, beispielsweise gekoppelt an andere bereits bestehende Versicherungen, und trägt dazu bei die unversicherten Schäden auf ein Minimum zu reduzieren.

Dieses System berücksichtigt auch die Problematik der häufig ungleichen Betroffenheit von Einkommensgruppen, die sich über Preissteigerungen als Folge von Schäden am Kapitalstock ergibt. Während Niedrigverdiener einen relativ großen Anteil ihres Einkommens für Güter und Dienstleistungen ausgeben, die von Überflutungen stark betroffen sind (z.B. Wohnen), sind Besserverdiener trotz größerer exponierter Vermögenswerte weniger vulnerabel gegenüber Preissteigerungen, da sie eine andere relative Ausgabenstruktur aufweisen. Mögliche Verteuerungen können jener Gruppe, die die Erträge solcher Güter abschöpfen, auch positiv in die Karten spielen (z.B. über höhere Mieteinnahmen).

Naturkatastrophen wie Überflutungen können also ohne geeignete Gegenmaßnahmen, wie zum Beispiel einem breit angelegten und effektiven Versicherungssystem, zu einer Verstärkung sozialer Ungleichheit führen und haben somit eine hohe politische Relevanz. Außerdem entlastet eine public-private partnership öffentliche Budgets, die angesichts steigender Klimarisiken zunehmend unter Druck geraten.

Die Autoren

Nina Knittel ist Dissertantin in Volkswirtschaftslehre an der Universität Graz. Sie forscht am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel zu den makroökonomischen Auswirkungen internationaler Klimawandelfolgen sowie zu den Kosten und Nutzen von Klimawandelanpassung.

Gabriel Bachner ist Klimaökonom und Post-Doc am Wegener Center für Klima und Globalen Wandel und beschäftigt sich mit den makroökonomischen Wirkungen des Klimawandels und von Klimapolitik.

Der Hintergrund dieses Beitrages wurde im Rahmen aktueller Forschungsprojekte des Wegener Centers für Klima und Globalen Wandel in Zusammenarbeit mit der Freien Universität Amsterdam und mit dem Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg untersucht (Projekt-Websiten: https://www.coacch.eu/, https://iiasa.ac.at/web/home/research/researchPrograms/RISK/MacroMode.html).

Referenzen

1. Ward, P. J. et al. A global framework for future costs and benefits of river-flood protection in urban areas. Nat. Clim. Change 7, 642–646 (2017).

2. Botzen, W. J. W. Economics of Insurance Against Natural Disaster Risks. Oxf. Res. Encycl. Environ. Sci. (2021) doi:10.1093/acrefore/9780199389414.013.712.

3. Mechler, R. et al. Managing unnatural disaster risk from climate extremes. Nat. Clim. Change 4, 235–237 (2014).

4. Cremades, R. et al. Using the adaptive cycle in climate-risk insurance to design resilient futures. Nat. Clim. Change 8, 4–7 (2018).

5. Hudson, P., Botzen, W. J. W. & Aerts, J. C. J. H. Flood insurance arrangements in the European Union for future flood risk under climate and socioeconomic change. Glob. Environ. Change 58, 101966 (2019).

6. Leitner, M., Babcicky, P., Schinko, T. & Glas, N. The status of climate risk management in Austria. Assessing the governance landscape and proposing ways forward for comprehensively managing flood and drought risk. Clim. Risk Manag. 30, 100246 (2020).

7. Tesselaar, M. et al. Regional Inequalities in Flood Insurance Affordability and Uptake under Climate Change. Sustainability 12, 8734 (2020).

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