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Leitartikel

Die Infantilisierung Deutschlands schreitet gnadenlos voran

Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel
Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel(c) imago images/IP3press (Alexis Sciard via www.imago-images.de)
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Deutschland steckt in einem Reformstau und braucht dringend einen Neustart, doch der Wahlkampf versinkt in einem Meer der Nebensächlichkeiten.

Deutschland steht vor einem Einschnitt. Nach 16 Jahren ist die Ära Merkel bald vorbei. Die Bundestagswahlen am 26. September böten eine Gelegenheit, ausführlich darüber zu streiten, wie es im wichtigsten Land Europas weitergehen soll. Doch von einem seriösen Ringen um Antworten auf die großen Zukunftsfragen ist kaum etwas zu bemerken. Der deutsche Wahlkampf versinkt in einem von künstlichen Dauer-Erregungen aufgepeitschten Meer der Oberflächlichkeiten.

Schon klar: Vor einer Wahl konzentriert sich das Interesse auf die Spitzenkandidaten. Diese Entwicklung ist unumkehrbar – und Personalisierung nun einmal die einfachste Form, um Komplexität zu reduzieren und eine breite Öffentlichkeit zu erreichen. Wenn es darum geht zu bewerten, ob jemand sympathisch und führungsstark wirkt, kann jeder mitreden. Und natürlich wollen die Bürger auch wissen, welche Eigenschaften und Fähigkeiten die Personen haben, die sich um höchste Ämter bewerben. Doch wenn die Auseinandersetzungen in fast völlige Inhaltsleere kippen, wird es bedenklich.

Bei der Einordnung dessen, was bedeutsam oder bloß unterhaltsam ist, käme Medien eine gewisse Verantwortung zu. Doch Einschaltquoten, Klickzahlen und Retweets sind im Zweifel meistens wichtiger. Und so schaffen Fernsehsender, soziale Medien und diverse Blätter die Heißluft-Arenen, durch die Politiker wie Zirkusclowns gejagt werden. Nein zu sagen traut sich offenbar niemand.

Olaf Scholz, Armin Laschet und Annalena Baerbock mussten neulich in der „Berlin Night Show“ von Pro Sieben sogar in einem höhlenartigen Zelt auf Kindersesselchen neben einem Riesenteddybär Platz nehmen, um sich von Pauline und Romeo, beide elf Jahre alt, befragen zu lassen. Laschet verlor die Geduld, als ihm dämmerte, dass die Kinder gar keine Kinderfragen stellten, sondern ihnen offenbar über einen Knopf im Ohr hartnäckige Nachfragen zum rechtskonservativen CDU-Direktkandidaten Hans-Georg Maaßen souffliert wurden. Und schon musste er sich öffentlich für seinen patzigen Umgang mit Kindern kritisieren lassen. Die Infantilisierung des deutschen Wahlkampfs kennt keine Gnade. Die große Schlacht auf dem weiten Feld der Nebensächlichkeiten begann mit wochenlangen Scharmützeln über abgekupferte Passagen in einem Schnellschuss-Buch der grünen Spitzenkandidatin, Annalena Baerbock, sie setzte sich in der epischen Erörterung eines unangebrachten Lachers von Laschet im Flutgebiet fort und findet nun auf Kindersesselchen ihren vorläufigen Höhepunkt.

Ist das bloß eine Folge der allerorten zu beobachtenden Amerikanisierung der Wahlkämpfe, oder handelt es sich um eine besondere deutsche Spielart der Regression, die Aktivisten, die sich für Journalisten, lustig und edelmütig halten, eifrig vorantreiben? Wer Deutschland für differenzierte Debatten geschätzt hat, den muss dieser Wahlkampf tief enttäuschen.